Der Muttertag - ein Tag zu Ehren der Mutter und der Mutterschaft. Dieser wurde, laut Wikipedia, in seiner heutigen Form ab 1865 aus der englischen und US-amerikanischen Frauenbewegung geprägt und ab 1914 offiziell in den USA gefeiert.
Der Muttertag - ein Tag zu Ehren der Mutter und der Mutterschaft. Dieser wurde, laut Wikipedia, in seiner heutigen Form ab 1865 aus der englischen und US-amerikanischen Frauenbewegung geprägt und ab 1914 offiziell in den USA gefeiert.
"Ehret die Mutter"
Ist es zeitgemäss und sinnvoll, sich an einem Tag im Jahr der Arbeit und Leistungen von Müttern für Familie und Gesellschaft bewusst zu machen? Besser als gar nicht?
Ich habe meine Zweifel, denn: Der Muttertag zementiert aus meiner Sicht konservative Rollenbilder und schränkt gemeinsame, verantwortungsvolle Elternschaft und Gleichberechtigung ein. Das schadet dem sozialen Zusammenhalt, der Familie und damit unserer heutigen Gesellschaft.
Sie finden das übertrieben? Ich lade Sie ein, einen Blick auf einige Aspekte der Frauen-, Mutter- und Männerbilder der vergangenen Jahrhunderte zu werfen.
Typisch Mann, typisch Frau - bereits in der Antike
Bereits in der Antike herrschte eine Geschlechterordnung. Denken wurde als "männlich", das Sinnliche (riechen, schmecken, tasten) als weiblich betrachtet. Wenn Männer mit den Sinnen in Verbindung gebracht wurden, dann mit "rationalen" Fernsinnen, wie Hören und Sehen. Frauen mit Geruch, Geschmack und Tasten. Innerhalb der verschiedenen Sinnesaktivitäten wurde zwischen einem männlichen und einem weiblichen Gebrauch unterschieden: So stellte man sich vor, dass der Mann das Sehen für intellektuelle Tätigkeit nutzt, die Frau zum Kauf bunter Kleider oder um sich selbst im Spiegel zu bewundern.
Diese Zuordnungen wirkten sich auch sozial aus: Der den Fernsinnen zugeordnete Mann war prädestiniert für Aktivitäten in der Ferne. Den (tierischen) Nahsinnen der Frauen war der häusliche Bereich zugedacht.
Das Rittertum brachte neue Regeln und neue soziale Werte mit sich: Das Leben wurde mitunter nach ästhetischen Werten und Regeln der Anmut konzipiert. Mittelpunkt eines sozialen und künstlerischen Lebens wurde die Frau. Gefühlswerte wurden betont, ein "feminines Element" trat in eine von Männern geprägte Zeit.
Der Wert eines Kindes bestimmt die Rolle der Mutter
Ab 1663 entstand in Europa ein neuer politischer Wert: Ein Land musste "viele Seelen zählen". Ein solcher "Bevölkerungsvorsprung" bedeutete militärische Macht. Bis aber der grossen Kindersterblichkeit mit System begegnet wurde, dauerte es noch viele Jahre, denn...
... der Wert eines Menschenlebens - vor allem der eines Kindes - war ein komplett anderer als heute: Kinder waren keine Menschen, sie waren eine Last. Bestenfalls waren diese Kinder der Gleichgültigkeit ausgesetzt. Der Tod eines Kindes wurde nicht betrauert, es kam zu oft vor.
Viele der Kinder wären nicht gestorben, wenn sich ihre Eltern mehr um sie gekümmert und die Mütter sie gestillt hätten. 1780 wurden von den 21000 Kindern, die jährlich in Paris geboren wurden, lediglich 1000 gestillt. Stillen galt im 17. Jahrhundert als unfein, einer Dame der höheren Gesellschaft nicht würdig. Gleich nach der Geburt kam das Kind für einige Jahre zu einer Amme aufs Land, wo ca. zwei Drittel der Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen umkam. Diejenigen, die überlebten, verbrachten danach einige Jahre im Elternhaus, bevor sie in ein Kloster oder Pensionat gesteckt wurden. Ungefähr 5 % der Kinder wurden ausgesetzt.
Die Geschichte des Muttertags und der Mutterrolle, wie wir sie heute verstehen, ist auch die Geschichte des "Wertes eines Kindes". Mit den neuen politischen Werten, die dem Kind zugesprochen wurden, änderte sich die Einstellung zum Kind. Elisabeth Badinter, Philosophin und Soziologin, beschrieb 1980 in ihrem Buch "Mutterliebe", dass damit der Mythos vom Mutterinstinkt und der spontanen Mutterliebe entstand. Die Frau wurde zur Mutter aufgewertet und wurde verantwortlich für das Wohl und Gedeihen der Kinder und der Familie - und sollte in dieser edlen Pflicht glücklich aufgehen.
Die Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Leben
Das gesellschaftliche Bild der Frau erlebte vom 17. bis ins 19. Jahrhundert einen fundamentalen Wandel, im Zuge dessen die Frau aus der öffentlichen Gesellschaft gänzlich verbannt wurde, sagt der schweizer Musiker, Germanist und Philosoph Roger Stein: "Das Weib hat die Bestimmung der Mutterschaft, der Ernährung [...], der Pflege und Behütung des Kindes, der Sorge für dessen gesunde, körperliche Entwicklung und für die Erziehung der geistigen und sittlichen Anlagen. [...] Für diese erhabene Bestimmung des Weibes natürlich und seelisch ausgerüstet; alle seine leiblichen und seelischen Anlagen und Neigungen beziehen sich auf dieses Verhältnis der Mutter zum Kinde [...] Der Mann hat andere Ziele und Pflichten, deshalb auch andere Anlagen; des Weibes Leben ist die Familie, des Mannes Leben ist die Welt."
Intelligenz, Tüchtigkeit, Unternehmergeist - so wurde der bürgerliche Mann charakterisiert.
Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Liebenswürdigkeit, Dankbarkeit, Hingabe, Bescheidenheit, Demut, Keuschheit, Selbstaufopferung und bedingungslos treu ihrem Mann gegenüber - das die Eigenschaften der Frau.
Seit dem 18. Jahrhundert hatte sich zudem eine Trennung von Arbeits- und Wohnbereich vollzogen. Der Wohnbereich privatisierte sich. Laut Stein fiel der Frau nun die Rolle zu, dem Mann, müde von der entfernten Arbeit heimkehrend, ein wohliges Heim zu bieten. Dadurch wurde die Frau aus dem öffentlichen Teil des bürgerlichen Daseins ausgeschlossen und in den Privatbereich geschoben.
Die Verbannung aus dem öffentlichen Leben erfolgte laut Stein auf breiter Ebene: Frauen, welche noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Salons verkehrten und damit am intellektuellen Geistesleben teilgenommen hatten, wurden zunehmend aus dem öffentlichen und politischen Leben ausgeschlossen.
Die Mutter als Heilige
Um die neue Rollenzuweisung der Frau zu rechtfertigen und zu untermauern, entbrannten im 19. Jahrhundert heftige Diskussionen rund um den Streitpunkt "Frau". Der Historiker Peter Gay formuliert treffend: "Dem bürgerlichen Jahrhundert wurde das Weib' zum Problem."
Alle irgendwie erdenklichen Argumente aus Biologie, Moral und Philosophie wurden herangezogen, um, der geistig weniger entwicklungsfähigen Frau, die Rolle an "Heim und Herd" zuzuschreiben. Die Argumente waren jedoch wenig wissenschaftlich, sie waren politisch geprägt.
Der Genfer Philosoph und Schriftsteller Jean -Jacques Rousseau schrieb 1762 in seinem Roman „Emile“: "Sie [=die Frauen] müssen viel lernen, aber nur das, was zu wissen ihnen gemäss ist [...] So muss sich die ganze Erziehung der Frauen im Hinblick auf die Männer vollziehen. Ihnen gefallen, ihnen nützlich sein [...], für sie sorgen, sie beraten, sie trösten, ihnen ein angenehmes und süsses Dasein bereiten: Das sind die Pflichten der Frauen zu allen Zeiten, das ist es, was man sie von Kindheit an lehren muss."
Einer "gesunden" und "anständigen" Frau wurde eine natürliche erotische Neigung abgesprochen: "Ist es (das Weib) geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes." (Stein: Psychopathia Sexualis, ca. 1885) Die Frau wurde zur Hüterin der Moralität. Ihr Körper verschwindet mehr und mehr aus dem Denken und der Sprache. Sie wird zur körperlosen Heiligen.
Reinheit, Wahrheit und Liebe - Untertänigkeit und selbstaufopfernde Frömmigkeit, diese Tugenden waren laut Ulrike Döcker auch Inbegriff der idealen bürgerlichen Weiblichkeit.
"Auf diese Weise kam das bürgerliche Frauenideal als fromme Mutter sehr nach an eine Heilige heran. Die Heilige ist jedoch immer dienend. Sie steht der Gottheit nahe, ist jedoch dieser unterstellt."
Auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds betrachtete die Frau als Hauptverantwortliche für das Glück ihres Kindes. Badinter schreibt dazu: "Die normale hingebende Mutter zeichnet sich also vor allem durch ihre Fähigkeit aus, unter Ausschluss jedes anderen Interesses, um ihr Kind besorgt zu sein." Ihr wird damit eine riesige Aufgabe zugesprochen, welche Erwerbsarbeit praktisch ausschließt. Die Theorie des natürlichen weiblichen Masochismus stilisiert die ideale Mutter als unendlich leidensfähig. Durch Selbstaufopferung finde sie Erfüllung in ihren Kindern.
Das Bild der "guten Mutter" wurde befeuert und mit ausgiebigen Pressekampagnen wurde die "Religion der Mutter" aufgebaut. Ein schönes Beispiel: 1954 gewinnt das Lied "Tutte le Mamme del mondo" das Festival von Sanremo. Giorgio Consolini beschreibt die Mütter als Schönheiten eines tiefgründig Guten, das aus Träumen, Hoffnungen und Liebe besteht. Sie gleiche dem Bild einer Madonna, ein Bild der Güte.
Der Muttertag als Widerspruch?
Die eingangs gestellten Fragen nach Aktualität und Sinn eines Muttertags lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Während sich die einen über den Muttertag freuen und eine "Verpolitisierung" schade finden, sprechen sich viele Mütter und Väter für eine Abschaffung des traditionellen Muttertags aus.
Wenn ich mir vor Augen halte, wie Frauen- und Männerbilder, Vater- und Mutterrollen im Laufe der Geschichte instrumentalisiert und mit welchen Absichten der heutige Muttertag etabliert wurde, ist der Muttertag für mich mehr als alles andere politisch. Und mittlerweile auch ein Wirtschaftsfaktor.
Die jahrhundertelang aufgebauten Frauen-/Mutter- und Männer-/Vaterbilder bringen wir nicht so rasch aus unseren Köpfen. Es ist daher wichtig und gut, wenn wir uns weiterhin verantwortungsvoll damit auseinandersetzen und herausfinden, wie wir die Mutter- und Vaterrolle gemeinsam als Eltern und in unserer Gesellschaft gestalten wollen - und welche Werte uns dabei leiten.
Quellen:
Roger Stein: Das Dirnenlied. Vom Animierlied zum literarischen Chanson
Elisabeth Badinter: Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute
Daniela Melone: "Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt" Sinnliche Intensität und Bewegung in der Supervision (unerveröffentlichte Masterarbeit, 2012)
Bild: Nick Fewings auf unsplash