Der neue Bildungsbericht Schweiz 26 ist erschienen. Er gilt als Referenzwerk von Bund und Kantonen zum Schweizer Bildungssystem. Bemerkenswert ist, was sich beim Blick auf die Elternbildung zeigt: nichts.
Der von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) erstellte Bildungsbericht umfasst 412 Seiten und beleuchtet das Schweizer Bildungssystem von der Primarstufe bis zu den Hochschulen. Das Kapitel «Weiterbildung» umfasst 26 Seiten. Einleitend beschreibt der Bericht eine breite Funktion von Weiterbildung: Sie diene der «persönlichen Entwicklung», ermögliche es, «Selbstvertrauen aufzubauen, Interessen zu verfolgen und die Lebensqualität zu verbessern» und erlaube es, «bis ins hohe Alter Wissen und Fähigkeiten über den beruflichen Kontext hinaus zu erweitern» (S. 324). Die allgemeine Erwachsenenbildung decke «praktisch alle Lebensbereiche ab, von der Politik bis zu kulturellen oder sportlichen Angeboten im Freizeitbereich» (S. 324). Gleichzeitig hält der Bericht transparent fest, dass Weiterbildung im Kapitel «primär in Bezug auf Aspekte der Arbeitsmarktfähigkeit der erwerbstätigen Bevölkerung» betrachtet werde (S. 325). Die Folge: Bereiche der allgemeinen Weiterbildung, die ausserhalb des Arbeitsmarkts wirken, kommen im weiteren Verlauf kaum vor.
Die Familie ist entscheidend – aber «nur schwer veränderbar»?
Bemerkenswerterweise anerkennt der Bericht durchaus die Bedeutung der Familie. Im Kapitel «Kumulative Effekte» wird beschrieben, wie der Erwerb kognitiver und nichtkognitiver Fähigkeiten «bereits vor der formalen Schulzeit» beginnt und «durch die Gene, das Elternhaus und die soziale Umgebung» geprägt wird (S. 350). Auch die «von den Eltern vermittelten Werte» beeinflussten die Entwicklung massgeblich (S. 352). Kinder aus einkommensschwachen Verhältnissen wüchsen «oft mit einem Mangel an Stimulation und grundlegenden elterlichen Investitionen» auf (S. 350).
Die Familie wird damit klar als prägender Faktor benannt. Gleichzeitig hält der Bericht fest, das familiäre Umfeld trage «entscheidend» zur Entwicklung bei, lasse sich jedoch «nur schwer verändern» (S. 351). Der Bericht verweist stattdessen auf «frühkindliche Erziehung und Betreuung oder Mentorenprogramme für Kinder» – also Massnahmen, die beim Kind ansetzen und das familiäre Umfeld eher ergänzen als stärken.
Der Bericht widerspricht sich selbst
Gerade hier wird die Argumentation des Berichts widersprüchlich. Denn auf Seite 364 – dreizehn Seiten nach der Feststellung, das familiäre Umfeld sei kaum veränderbar – steht: «Die elterliche Bildung hat nachweislich einen Einfluss auf die Gesundheit und Bildung der Kinder.»
Also doch veränderbar – durch Bildung. Das ist letztlich die Grundannahme jedes Bildungsberichts, dass Menschen durch Lernen etwas verändern können. Im selben Kapitel wird die Schweizer Langzeitstudie ZEPPELIN erwähnt, die dem Hausbesuchsprogramm «PAT – Mit Eltern lernen» eine nachhaltige Wirkung bescheinigt (S. 351). Die Evidenz, dass die Arbeit mit Eltern Wirkung entfaltet, ist also vorhanden.
Familie als Einflussfaktor – nicht als Bildungsort
Was im Bericht auffällt: Wo Familie vorkommt, erscheint sie vor allem als Variable, als Faktor, der den Bildungserfolg von Kindern positiv oder negativ beeinflusst. Eltern erscheinen als statistische Grösse, nicht als Menschen, die lernen, sich entwickeln und in ihrer Rolle gestärkt werden können. Genau hier liegt eine Leerstelle. Die Vorstellung, dass Eltern sich in ihrer Rolle bilden können, dass diese Bildung wirksam ist und dass sie allen Familien zugutekommt, bleibt im Denkrahmen dieses Berichts weitgehend unsichtbar.
Elternbildung, wie wir sie verstehen, ist weder Therapie noch Krisenintervention. Sie ist nonformale Bildung: freiwillig, ressourcenorientiert und präventiv. Sie richtet sich an alle Eltern – nicht erst dann, wenn Schwierigkeiten bereits manifest sind. Genau das unterscheidet sie von Interventionsprogrammen. Sie setzt nicht bei Defiziten an, sondern beim Lernen und der damit verbundenen Bewältigung des Alltags. Und gerade deshalb gehört sie in einen Bildungsbericht.
Bildung beginnt nicht erst mit der Einschulung
Die Gliederung des Bildungsberichts beginnt mit der obligatorischen Schule. Die Familie als Bildungsort? Fehlanzeige. Frühkindliche Bildung? Ebenfalls nicht. Dabei zeigen die eigenen Befunde des Berichts, dass entscheidende Weichen bereits vor dem Schuleintritt gestellt werden.
Damit gerät die Struktur des Berichts in Widerspruch zu seinen eigenen Erkenntnissen. Bildungsungerechtigkeit entsteht nicht nur dort, wo Zugänge fehlen. Sie entsteht auch dort, wo bestimmte Formen des Lernens als Bildung anerkannt werden und andere unsichtbar bleiben. Der Bildungsbericht beschreibt ausführlich, was in Schulen, Hochschulen und auf dem Arbeitsmarkt geschieht. Was Eltern lernen, um ihre Kinder gut zu begleiten und was sie dabei unterstützt, kommt darin nicht vor.
Eine Einladung
Der Bildungsbericht bietet darüber hinaus viel Material zur kritischen Reflexion – etwa zur Frage, wie Wirksamkeit in der Weiterbildung gemessen wird und welche Rolle die allgemeine Weiterbildung im bildungspolitischen Diskurs spielt.
Elternbildung ist Teil der Schweizer Weiterbildungslandschaft. Wenn ein Bericht die Bedeutung der Familie für den Bildungserfolg anerkennt, die Bildung der Eltern aber mit keinem Wort erwähnt, bleibt eine Lücke.
Wir laden die Verantwortlichen des Bildungsberichts ein, diese Lücke künftig gemeinsam zu schliessen. Damit der nächste Bildungsbericht Elternbildung als das sichtbar macht, was sie ist: ein wirksames Bildungsfeld, das dort ansetzt, wo Bildung beginnt – in der Familie.
Quelle: SKBF (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.
Bild von Karola G/Canva
