Darstellung von Pseudo-Vereinbarkeit

 

Pseudovereinbarkeits-Bilder und sind für mich Darstellungen, welche für das Thema "Vereinbarkeit von Familie und Berufe" stehen sollen, jedoch nicht wirklich abbilden. Auf diesen Bildern ist ein Elternteil - meist die Mutter - am Computer beschäftigt und hält nebenbei ein Baby im Arm. Manchmal liegt das Kind auch irgendwo daneben.

Das Verständnis von "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" mag breit sein, trotzdem frage ich mich, was damit gezeigt, ausgedrückt werden soll. Ich persönlich habe noch kein vollständiges, verfestigtes Verständnis davon, was es braucht, um Familie und Arbeit leben zu können.

Bereits der Terminus "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" suggeriert, dass es a) die Erwerbsarbeit und b) die Familienarbeit zu vereinen gelte. Das wirft Fragen auf.

 

Wollen wir Beruf und Familie «vereinen»?
Vereinen bedeutet landläufig, etwas zusammenzuführen, zusammenzuschliessen, sich zu gemeinsamem Vorgehen zu vereinen. Es ist demnach nicht erstaunlich, wird auf Bildern zur "Vereinbarkeit" genau dies dargestellt: Arbeit und Familie geschieht nebeneinander, ineinander verflochten. Das überfordert jedoch alle Beteiligten, wird der Arbeit und schon gar nicht dem Kind gerecht.
Wollen wir tatsächlich Erwerbs- und Familienarbeit «vereinen»? Auch wenn der Begriff der «Vereinbarkeit» nachvollziehbar und interessant scheint, müssen wir und doch fragen, ob er treffend gewählt ist. Gerne bevor Lösungen kreiert werden.


In der Verantwortung der Einzelnen?
Google ich die Bedeutung von "Beruf und Familie vereinen", erfahre ich, dass damit die "Fähigkeit von Erwerbstätigen, sich einerseits dem Beruf, andererseits dem Familienleben zu widmen" gemeint sei. In dieser Erklärung von Vereinbarkeit wird die Verantwortung eines erwerbstätigen Menschen an die allgemeine, angeborene oder erlebte Fähigkeit eines Menschen delegiert. Es obliegt der Person, für Vereinbarkeit zu sorgen. In dieser Erklärung werden nicht nur Gesellschaft und Arbeitgebende ausgeklammert, auch Mütter und Väter, da von Erwerbstätigen gesprochen wird.

 

Familie, Beruf und …?
In einer Zeit, in der der "total workload" von Arbeit und Familie permanent zunimmt, ist es besonders wichtig, einen weiteren Bereich hinzuzufügen: die Person, das Individuum, seiner Pflege und Regeneration. Müsste es daher nicht eher heissen "Person, Familie und Beruf"? Tönt etwas sperrig und ungewohnt, ist wahrscheinlich gesünder und dem Wohl der Einzelnen, der Kinder und der Gesellschaft zuträglicher.

Ich frage mich also, welches Verständnis von "Vereinbarkeit" mit «Pseudo-Vereinbarkeits-Bildern» gezeigt werden soll. Wer ein solches Bild benutzt, um die Vereinbarkeit von Familie & Beruf darzustellen, hat aus meiner Sicht nicht verstanden, worum es geht in der Thematik und schürt Ansprüche, die nicht gesund sind.
 

Die Darstellung des Problems und nicht der Lösung
In der Diskussion dieses Themas auf Social Media, meinte eine berufstätige Mutter, dass das Bild leider darstelle, was sei. Man müsse hektisch die Arbeit im Büro abbrechen, weil ein Anruf von der Schule gekommen ist. Man müsse noch eine wichtige Mail mit dem Baby auf dem Arm schreiben. Solche Situationen gehören zum Alltag berufstätiger Eltern, meint sie.
Ich verstehe gut, was sie meint, ich habe solche Situationen unzählige Male erlebt. Ich erinnere mich an das Gefühl, weder meiner Arbeit noch meinem Kind gerecht zu werden.
 

"Müssen wir mit den Darstellungen eines ungesunden, unbefriedigten Zustandes demnach zufrieden sein? Haben wir nicht auch die Verantwortung, Bilder zu verwenden, welche die Lösung, nicht das Problem darstellen?"

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass mit solchen Bildern eben etwas gezeigt und gesagt wird, das über die Abbildung einer vermeintlichen Wirklichkeit hinausgeht: "Bilder legen eine soziale und kulturelle Identität fest, sie können Wirklichkeit konstruieren und Handlungen anleiten." sagt der Philosoph Emil Anghern. Er betont, dass Bilder einen kollektiven Erinnerungsraum ebenso wie einen Raum der Erwartung, einen Ausblick auf Zukünftiges, einen Raum der Fantasie bilden.

Insofern stellen solche Bilder auch eine Zukunft dar und legen den Horizont unserer Gedanken und Fantasien im Bereich der Vereinbarkeit von Person, Familie und Beruf fest. 

Lasst uns also neue Bilder schaffen.

 

 

Quellen:

  • Angehrn, Emil (2011). Bildperformanz und Sinnbildung. PDF
  • Boehm, Gottfried (2010). Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin: University Press
  • Beruf und Familie: Vereinbarkeit im Unternehmen verbessern Link
  • Bild von Sarah Chai auf Canva
feedback