Die Paarperspektive in der Elternbildung

Was bedeutet es, Eltern nicht nur als Individuen, sondern auch als Paar zu stärken? Diese Frage stellte sich schon 1997 der Psychologe Peter P. Allemann in einem Beitrag für die damalige Fachzeitschrift von Elternbildung CH. Sein Artikel mit dem Titel “Die Paarperspektive in der Elternbildung” bleibt bemerkenswert aktuell. Er verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Partnerschaft als Grundlage für gelingende Elternschaft und Erziehung ernst zu nehmen. Dieser Beitrag reflektiert die damaligen Überlegungen im Lichte aktueller Erkenntnisse und weist auf neue Angebote hin, die Fachpersonen heute zur Verfügung stehen.

 

Rückblick: Was der Artikel von 1997 aufzeigt
Peter P. Allemann rückt in seinem Text die Wechselwirkungen zwischen Elternbildung und Paarbeziehung ins Zentrum. Aus einer systemischen Perspektive argumentiert er, dass Veränderungen bei einem Elternteil auch die Paarbeziehung beeinflussen – im positiven wie im belastenden Sinn.

Elternbildung, so Allemann, soll nicht nur die elterlichen Kompetenzen fördern, sondern auch Raum für die Reflexion der Paarbeziehung schaffen. Denn: - Elternschaft entsteht aus einer Paarbeziehung. Die Qualität dieser Beziehung beeinflusst das Familienklima und die kindliche Entwicklung. Elternbildner:innen sollten sich der potenziellen Auswirkungen ihrer Angebote auf die Partnerschaft bewusst sein.

Allemann geht dabei weit über die bloße Empfehlung hinaus, Paare als Zielgruppe einzubeziehen. Er fordert dazu auf, das Spannungsfeld zwischen Rollenerwartungen, tradierten Bildern und individuellen Lebensentwürfen aktiv zu thematisieren. Junge Eltern sollen ermutigt werden, eigene Vorstellungen von Elternschaft, Partnerschaft und Rollenverteilung zu entwickeln – jenseits gesellschaftlicher oder biografischer Prägungen.

Besonders eindrücklich ist Allemanns Plädoyer dafür, Elternbildung als ethisch verantwortliches Handlungsfeld zu verstehen: Sie soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern Entwicklungsprozesse anregen – im Sinne einer humanistischen Bildung, die alle Beteiligten im Familiensystem einbezieht.

Zudem zeigt er auf, wie eng Krisen in der Paarbeziehung mit Übergängen im Familienleben verknüpft sind: Geburt, Schuleintritt, Ablösung der Kinder. Elternbildung kann hier stabilisierend wirken, wenn sie nicht ausschließlich auf das Verhalten der Kinder fokussiert, sondern auch das “Leiden aneinander” (A. Guggenbühl-Craig) als Bestandteil von Beziehung anerkennt.

Aus diesem Grund hat die Elternbildung darauf zu achten, dass eine Paarbeziehung sich nicht auf die, wenn auch einmalige und bedeutsame, Aufgabe der Kindererziehung beschränkt. Sie muss den Eltern immer wieder Unterstützung geben und Mut machen, ihre primäre Beziehung – die Partnerschaft – zu pflegen und zu entwickeln.”

Peter P. Allemann, Psychologe

Nicht zuletzt betont Allemann, dass die Paarbeziehung Vorrang vor jeder weiteren Aufgabe habe. In seinem systemischen Denken bedeutet das: Eine gelingende Elternschaft kann ohne tragfähige Partnerschaft kaum gedeihen. Auch hier kann die Elternbildung Mütter und Väter so begleiten, dass sie ihre Paar- und Familienwelt individuell gestalten können.

 

Was sich seither verändert hat
Die Relevanz der Paarbeziehung für das Kindeswohl ist wissenschaftlich breit abgestützt. Wir wissen: Destruktive Partnerschaftskonflikte führen zu erhöhten Risiken für psychische Belastungen bei Kindern. Gleichzeitig hat sich die Elternbildung professionalisiert und diversifiziert – viele Formate greifen Beziehungsaspekte bereits explizit auf.

Doch Allemanns Text bleibt aktuell, weil er weiterdenkt: Er fordert dazu auf, Elternbildung als Beitrag zur Entwicklung des ganzen Familiensystems zu begreifen – nicht als Reparatur einzelner Erziehungsdefizite.

 

Was das für die Praxis bedeutet
Eine konsequente Paarperspektive in der Elternbildung bedeutet: Paare als Einheit ernst zu nehmen, bewusste Auseinandersetzung mit Rollenverteilungen in Familie und Partnerschaft anregen, partnerschaftliche Kommunikation und Konflikte als Lernfelder zu nutzen, implizite Bilder von Familie zu thematisieren.

Konkrete Fragen wie “Wie reagieren Sie, wenn Ihr Partner sich abends nicht am Einschlafritual beteiligt?” oder “Wie möchten Sie als Paar leben, wenn die Kinder ausgezogen sind?” können Reflexion auslösen, ohne belehrend zu sein.

 

Aktuell: Weiterbildung zur Paarperspektive in der Elternbildung
Ein aktuelles Beispiel für die Umsetzung dieser Gedanken ist der von Elternbildung CH mitgetragene Zertifikatskurs “kio – Konflikt ist ok”. Der Kurs wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Guy Bodenmann und Dr. Corinne Bodenmann-Kehl entwickelt und befähigt Fachpersonen, den kio-Elternkurs zur Stärkung der elterlichen Partnerschaft durchzuführen.

Der Kurs vermittelt fundiertes Wissen zu Konfliktdynamiken in der Partnerschaft, sensibilisiert für deren Auswirkungen auf Kinder und befähigt zur konstruktiven Konfliktarbeit in der Elternbildung. Die Weiterbildung ist praxisnah aufgebaut und richtet sich an Fachpersonen mit methodisch-didaktischer Erfahrung.

Mehr zur Weiterbildung hier: https://www.elternbildung.ch/elternbildung/informationen-fuer-fachpersonen/weiterbildungen-hinweise

 

Fazit
Die Paarperspektive in der Elternbildung ist kein Randthema. Sie ist ein zentraler Bestandteil einer Bildung, die das ganze Familiensystem im Blick hat. Wer Eltern stärken will, muss auch ihre Beziehung zueinander ernst nehmen. Peter P. Allemanns Beitrag von 1997 erinnert uns daran – und gibt uns den Impuls, diesen Blick weiterzutragen.
 

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

 

Bild: Dean Drobot auf Canva


Hinweis: Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel von Peter P. Allemann, erschienen in der Schweizerischen Fachzeitschrift für Elternbildung (1997) des Schweizierischen Bundes für Elternbildung SBE (heute Elternbildung CH). Der Text wurde für diesen Blogbeitrag nicht wörtlich übernommen, sondern inhaltlich zusammengefasst und reflektiert.

feedback