Esther hat Angst um ihre Kinder. Der Sohn gamt und die Töchter sind permanent auf TikTok. Esther selber hat kaum Erfahrung am Computer und im Netz. Sie fühlt sich überfordert und weiss nicht, wie man technisch den Konsum der Kinder lenken oder einschränken könnte. Esther fühlt sich machtlos.
So wie Esther geht es vielen Menschen in der Schweiz. Ungefähr ein Viertel der Schweizer Bevölkerung – darunter auch viele Eltern – verfügt nur über geringe oder keine digitalen Kompetenzen. In der Kindheit der Eltern gab es viel weniger digitalen Medien. Als die digitale Welt die Kinderzimmer eroberte, arbeiteten sie schon und hatten eine Familie gegründet. Eine strenge Zeit. «Und plötzlich habe ich gemerkt, dass ich abgehängt war.» meint ein Vater in einem Elternforum. Es fiel ihm nicht leicht, das zu sagen. Er schämte sich dafür. Männer gelten als technisch affin, als hätten sie Technik «im Blut». Seiner Frau geht es nicht besser. Sie macht zwar die Krankenkassen-Abrechnungen der Familie am Computer und zahlt die Rechnungen mit e-Banking, aber ausser, dass sie hin und wieder auf Facebook ist, kennt sie sich mit Social Media nicht aus. Anderen Eltern gegenüber traut sie sich nicht, ihre Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit zuzugeben: «Die scheinen alle digital fit zu sein – so wie die reden». Das erinnert sie an ihre Schulzeit, dort war sie auch oft das Schlusslicht. Keine schöne Erinnerung.
Digitale Kompetenzen – ein Erziehungsthema
Eltern brauchen keine Technikexpert:innen zu sein. Aber sie brauchen ein Mindestmass an Orientierung, um mit ihren Kindern über Mediennutzung sprechen und Regeln aushandeln zu können. Wer digitale Kompetenzen entwickelt, gewinnt nicht nur an Selbstvertrauen, sondern auch an erzieherischer Handlungsfähigkeit. So erstaunt es kaum, dass 20% der befragten Eltern im Familienbarometer 2025 angeben, dass der Umgang mit Social Media ein relevantes Thema in der Familie ist.
Ein bewusster Umgang mit digitalen Medien betrifft Fragen der Sicherheit, des Datenschutzes, aber auch der Beziehung: Was bedeutet es, wenn Kinder online Anerkennung suchen? Wie reagiert man, wenn das Kind beleidigt wurde oder TikTok die Hausaufgaben verdrängt?
Digitale Grundkompetenzen sind heute ein Baustein elterlicher Kompetenz – und Elternbildung kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass sich niemand damit alleingelassen fühlt.
Was können Elternbildner:innen tun?
Wie Esther fühlen sich viele Eltern wegen ihrer Ängste und ungenügenden Kompetenzen gesellschaftlich ausgeschlossen. Wüssten sie, dass es vielen Menschen und vielen Eltern gleich geht, hätten sie vielleicht den Mut, in einen Computerkurs zu gehen oder ein Social Media-Lernangebot zu suchen.
Kursleitende in der Elternbildung sind oft erste Ansprechpersonen, wenn Eltern ihre Unsicherheiten oder Ängste im Umgang mit digitalen Medien ansprechen – manchmal direkt, manchmal eher andeutungsweise. Elternbildung kann der Ort sein, an dem sichtbar wird: Hier besteht Unterstützungsbedarf.
Elternbildner:innen können in solchen Momenten Brücken bauen, denn bevor man über die Förderung der Medienkompetenzen der Kinder spricht, braucht es eigene grundlegende Handlungskompetenzen. Elternbildner:innen können auf lokale Grundkompetenz-Angebote hinweisen, beim Ausfüllen eines Anmeldeformulars helfen oder einen ersten Kontakt zu einer Beratungsstelle vermitteln. Subventionierte Lernangebote gibt es in vielen Kantonen der Schweiz. Manche Angebote können mit einem Bildungsgutschein bezahlt werden oder sind vom Kanton subventioniert, andere sind offene Gratis-Lernangebote, in denen man Antworten auf seine Fragen und Übungshilfe bekommt.
Auch können Elternbildner:innen bei Bedarf gezielt niedrigschwellige IKT-Themen in ihre Veranstaltungen integrieren: Wie richte ich Kindersicherungen ein? Was ist eine vertrauenswürdige Quelle im Netz? Wie spreche ich mit meinem Kind über sein digitales Leben?
Einfach besser! Auch für Eltern?
Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben setzt sich für die Förderung der Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen und Umgang mit digitalen Medien ein. Seine Mission ist, dass alle Erwachsenen in der Schweiz die Grundkompetenzen so gut beherrschen, dass sie sich am wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Leben beteiligen können. Dafür steht die schweizweite Kampagne "Einfach besser!" . Hier finden Elternbildner:innen und Eltern zahlreiche Angebote für einen besseren Umgang mit digitalen Medien.
Und wenn Unsicherheit bleibt?
Niemand muss mit seinen Fragen allein bleiben. Der Dachverband Lesen und Schreiben (DVLS) berät auch Organisationen und Fachpersonen, die Lernangebote für Erwachsene realisieren möchten – und vermittelt passende Kontakte. Nutzen Sie auch die Gratis-Hotline zum Thema und zu Lernangeboten: 0800 47 47 47
Elternbildner:innen, die sich vertieft mit der Förderung von digitalen Grundkompetenzen befassen wollen, finden beim DVLS fachliche Impulse, Netzwerke und Kooperationen.
Mehr Informationen und persönliche Beratung: www.lesen-schreiben-schweiz.ch