“Eltern zu sein ist in unserer Gesellschaft nicht attraktiv”


Die Vielfalt an Ratgebern, Kursen und Angeboten für Eltern ist gross. Schon 2003 sprach der Entwicklungspädiater und Leiter der Abteilung «Wachstum und Entwicklung» des Kinderspitals Zürich, Remo Largo (1943–2020), in einem Interview mit der Redaktorin Christa Friedli darüber, ob diese Fülle Eltern wirklich hilft oder ob sie nicht auch zu Verunsicherung führt. Seine Antworten wirken bis heute erstaunlich aktuell.
 

Largo beobachtete, dass viele Eltern nach klaren Ratschlägen suchen, aber in einer Art „Gemischtwarenladen“ von Erziehungsangeboten landen. Hinter diesem Phänomen sieht er den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel: Früher war Erziehungswissen eingebettet in die Grossfamilie. Kinder konnten miterleben, wie Ältere mit Jüngeren umgehen, sie übernahmen Verantwortung und sammelten Erfahrungen fast nebenbei. Heute wachsen die meisten in Kleinfamilien auf, ohne diese Lernfelder. Seiner Ansicht nach fehlt es an natürlicher Weitergabe von Erziehungserfahrungen – und dieses Defizit schafft erst den Bedarf nach unzähligen Ratgebern und Kursen.

Parallel dazu stiegen die Ansprüche an das einzelne Kind. Eltern konzentrieren sich stark auf ihr Kind, das optimal gefördert werden soll. Daraus entstehen sowohl Überforderung als auch – paradoxerweise – emotionale Vernachlässigung. Manchen Eltern fehlt schlicht die Zeit, weil sie ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Andere hätten die Ressourcen, investieren sie aber nicht in die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern.

«Erziehungskompetenz entsteht nicht durch das Befolgen von Tipps, sondern durch gelebte Erfahrung im Alltag mit Kindern.»

Prof. Dr. med. Remo Largo, Entwicklungspädiater

Erfahrungen anstatt Rezepte
Für Largo war zentral: Erziehungskompetenz entsteht nicht durch das Befolgen von Tipps, sondern durch gelebte Erfahrung im Alltag mit Kindern. Ratschläge können Erlebnisse nicht ersetzen. Wirklich hilfreich seien Angebote dann, wenn sie Eltern ermutigen, sich auf ihr Kind einzulassen, mit ihm Erfahrungen zu sammeln und diese zu reflektieren.
 

Wissen Eltern zu wenig über die Entwicklung des Kindes?
Hier zeigte sich Largo differenziert. Ja, es brauche mehr Wissen, um Missverständnisse in der Erziehung zu vermeiden. Aber Wissen allein genügt nicht – entscheidend sei, Eltern in ein Gespräch einzubeziehen: über ihre Vorstellungen, ihre Erlebnisse, ihre Interpretationen. Fachpersonen könnten so helfen, falsche Bilder zu korrigieren. Oft gehe es weniger darum, neue Konzepte zu vermitteln, sondern darum, hinderliche Vorstellungen loszulassen. Wenn Eltern ihr Kind von falschen Erwartungen befreien, können sie es mit anderen Augen sehen – und dadurch auch ihr Handeln verändern.
 

Frühe Sensibilisierung – aber wie?
Sollte Erziehung schon vor der Elternschaft ein Thema sein? Largo sah gewisse Ansätze, etwa in Schwangerschafts- und Geburtsvorbereitungskursen, durchaus positiv. Skeptisch war er gegenüber schulischen Fächern zu Erziehungsfragen: Jugendliche hätten andere Interessen. Sinnvoller wäre es, jungen Menschen praktische Erfahrungen mit Kindern zu ermöglichen – in Kindergruppen oder Heimen. So entstehe genau das, was später oft fehle: ein Grundstock an konkreter Erfahrung im Umgang mit Kindern.
 

Was macht gute Elternbildung aus?
Gute Elternbildung muss Eltern in ihrer Rolle stärken, ihr Selbstvertrauen fördern und ihnen helfen, ihr Kind besser zu verstehen, meinte Largo. Die verbreitete Verunsicherung – verstärkt durch den „Gemischtwarenladen“ – könne so verringert werden.

Entscheidend sei dabei nicht, wie konsequent Eltern Regeln durchsetzen, sondern wie sehr sie ihre Kinder wahrnehmen und für sie verfügbar sind. Wenn Zuwendung fehlt, helfen die besten Regeln nichts. „Eltern können keine Grenzen setzen, wenn sie die Bedürfnisse des Kindes ungenügend befriedigen“, so Largo. Für ihn stand ausser Frage: Verfügbarkeit und Zuwendung sind die Grundlage – Regeln sind zweitrangig.
 

Entscheidungsfreiheit – und ihr Preis
Ein weiterer Schwerpunkt im Gespräch war die Frage, wie die zunehmende individuelle Entscheidungsfreiheit Eltern entlastet, zugleich aber auch überfordern kann. Largo sah darin eine ambivalente Entwicklung. Einerseits sei Selbstbestimmung für Paare zentral, andererseits entstehe dadurch auch neuer Druck. Viele wollen gleichzeitig in Familie, Partnerschaft und Beruf erfolgreich sein – was vor allem Mütter stark belastet. „Der Druck steht immer mit dem Faktor Zeit in Zusammenhang“, erklärte Largo. Eltern suchten deshalb oft Ratschläge, wie sie ihr Zeitmanagement effizienter gestalten könnten. Doch die entscheidende Frage bleibe: Wie viel Zeit will und kann ich als Mutter oder Vater wirklich in mein Kind investieren – und wer kümmert sich sonst?

Immer mehr Paare fragten sich, ob Kinder überhaupt in ihren Lebensplan passten. Manche entschieden sich, ganz auf Kinder zu verzichten oder nur eines zu bekommen. Für Largo hing dies direkt mit gesellschaftlichen Prioritäten zusammen: Welche Bedeutung messen wir Kindern überhaupt bei?

«Eltern zu sein ist in unserer Gesellschaft nicht attraktiv. Wer Kinder hat, wird eher bestraft.»

Prof. Dr. med. Remo Largo, Entwicklungspädiater

Elternbildung als gesellschaftliche Aufgabe
Largo warnte davor, Eltern mit schnellen Rezepten abzuspeisen. Einfache Lösungen seien verführerisch, aber gefährlich: Erziehung sei Beziehungsarbeit – und Beziehungen brauchen Zeit und Gelegenheit.

Er war überzeugt, dass Elternbildung auch dann wirksam ist, wenn sie zunächst nur Teile der Gesellschaft erreicht. Veränderungen in prägenden sozialen Gruppen strahlen aus und beeinflussen langfristig die ganze Gesellschaft. Aber er betonte ebenso: Ohne politische Rahmenbedingungen werde Elternbildung an Grenzen stossen.

„Eltern zu sein ist in unserer Gesellschaft nicht attraktiv. Wer Kinder hat, wird eher bestraft“, sagte Largo. Er forderte eine Umwertung der Elternschaft:Familien dürften nicht länger Last sein, sondern müssten wieder Freude und Anerkennung erfahren. Dazu brauche es politische Lösungen – bessere Strukturen, mehr Unterstützung, eine Kultur, die Elternschaft wertschätzt. Sonst würden sich in Zukunft noch weniger junge Paare für Kinder entscheiden, mit gravierenden Folgen für die Gesellschaft. Es sei unbedingt nötig, dass diejenigen, die in der Elternbildung tätig sind, auch politisch aktiv sind und sich in der Öffentlichkeit für die Rahmenbedingungen der Familien einsetzen müssen.

 

 

 

Das Interview erschien ursprünglich in der Schweizerischen Fachzeitschrift für Elternbildung, Ausgabe 4/03, herausgegeben vom damaligen Schweizerischen Bund für Elternbildung SBE (heute Elternbildung CH).

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