Die Gesellschaft entwickelt sich und verschmilzt, Kulturen mischen sich, Modelle werden ersetzt. Elternschaft und die Art und Weise, wie sie gelebt wird, folgt diesen Bewegungen. Bestehende Orientierungspunkte der Erziehung werden durcheinander gebracht – oder?
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Ordnung ist das halbe Leben- diese und ähnliche Sprichwörter enthalten Annahmen, die das Verhalten von Eltern - oft mehr als uns bewusst ist und anders als uns lieb ist - prägen. Die Generationen wechseln, die Sprichwörter bleiben. Was ist dran an diesen Sprichwörtern, sind sie allenfalls tatsächlich wahr?
Dieser und zwei weitere Blogbeiträge widmen sich erzieherischen Ideen, Überzeugungen und Orientierungspunkten, welche Eltern prägen: Was hat es damit auf sich? Stimmen sie oder liefern sie Eltern gar falsche Anhaltspunkte?
«Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen“
In unseren, vor allem westlichen Gesellschaften brauchen Kinder eine oder zwei Personen, zu denen sie eine starke Bindung haben. Jede zusätzliche Person, wie zum Beispiel eine Großmutter oder ein Großvater, bereichert ihr Leben auf natürliche Weise.
Es sind jedoch eher die Eltern, die dieses „Dorf“ oder Netzwerk, wie man heute sagen würde, brauchen, um sie zu unterstützen und zu entlasten. Nur wenn die Eltern über ein solches Netzwerk verfügen, können sie einen Raum für ihre „eigenen Bedürfnisse“ finden. Nur wenn es den Eltern gut geht, können sie sich auch gut um ihre Kinder kümmern.
Das Netzwerk ist wichtig, um sich mit anderen über alltägliches sowie Eltern- oder Familienprobleme auszutauschen. Denn, jede Mutter, jeder Vater kommt an einen Punkt, an dem sie nicht mehr wissen, was sie selbst tun sollen. Leider nimmt die Isolation vieler Eltern zu und die unterstützenden Aussenkontakte entsprechend ab.
In der Vergangenheit waren unterstützende Familienstrukturen einfach eine Selbstver-ständlichkeit „im Dorf». Heute ist es eher Aufgabe der Eltern, dieses Dorf aufzubauen. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Organisation von Elterngruppen („peer-to-peer“) oder die Teilnahme an Elternbildungsveranstaltungen, in denen ein Austausch und gegenseitiges Lernen möglich ist.
«Eltern müssen konsequent sein“
Dieser Satz basiert auf der Überzeugung, dass eine „konsequente Erziehung“ die Entwicklung von Kindern beeinflussen kann. Studien zeigen, dass die Eltern einen entscheidenden, aber zeitlich begrenzten Einfluss auf den Weg eines Kindes ausüben. Dies liegt daran, dass das Kind beginnt, seinem Leben mit seiner „Persönlichkeit“ den Ton anzugeben. Ausserdem ist die Umgebung im weitesten Sinne sehr wichtig.
Auch im täglichen Miteinander sind Kinder keineswegs passiv. Sie beeinflussen ihre Eltern und nehmen auf diese Weise an der Gestaltung der eigenen Erziehung und Entwicklung – gleichsam eines ko-konstruktiven Prozesses – teil. Entsprechend profitiert das Kind vom Austausch mit den Eltern, vom Einbezug rund um die Regelsetzung für den Alltag.
Die Verlässlichkeit der Eltern und der Rahmen, den sie von Anfang an bieten sowie ihr Vorbild sind und bleiben wichtig. Jedoch sind weder Eltern noch Kinder Roboter, die immer auf die gleiche Weise funktionieren. Je nach den Bedürfnissen des Kindes und dem, was für die jeweilige Situation angemessen ist, braucht es angemessen unterschiedliche Reaktionen der Eltern. Es ist also eher „Flexibilität“ als ein starres Verhalten erforderlich.
Es ist auch nicht schlimm, wenn etwas nicht immer gut läuft.
Massnahmen dürfen ein Kind nicht verletzen, es demütigen oder es in seiner Entwicklung behindern. Eine konsequente Massnahme soll eine echte Hilfestellung bieten. Daher muss sie in direktem und für das Kind nachvollziehbaren Zusammenhang mit der Regel stehen. Kinder und Eltern lernen mit- und voneinander, wenn sie eine Regelverletzung als auch die Massnahme miteinander besprechen. Das verhindert wirkungslose Moralpredigten und über das Ziel hinausschiessende (Straf-)Massnahmen.
Und auch wenn die Kinder murren oder meckern: Sie können sich auf Eltern verlassen, die allgemeine Erziehungsregeln konsequent für die eigene Familie hinterfragen und angemessen reagieren können.
„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“
Dieses «alles oder nichts-Prinzip» mag für gewisse Aspekte gelten, im Bereich der Bildung ist es jedoch anders. «Unser Gehirn» lernt das ganze Leben lang – auch wenn die Lernfähigkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Vielleicht dauert es dann länger, bis wir ein Musikinstrument beherrschen. Dies hat jedoch nicht immer oder unbedingt etwas mit dem Alter zu tun. Auch das musikalische Talent spielt eine Rolle oder die Frage, wie viel wir üben ...
Es gibt begrenzte Zeiträume, in denen Kinder bestimmte Dinge effektiver oder leichter lernen als später - dazu gehört z.B. das Erlernen einer Sprache. Allerdings kann auch ein Erwachsener eine Fremdsprache lernen, wenn er z.B. lange im Ausland lebt. Es gibt also eine gewisse Flexibilität im Bereich der menschlichen Entwicklung. Etwas, das in der Vergangenheit nicht erkannt oder eher ignoriert wurde.
Sinngemäss würden wir heute eher sagen: «Was Hänschen nicht lernt, kann er auch noch später lernen.»
Der Originalbeitrag von Jorge Montoya-Romani ist am 2. April 2024 im französischen Elternbildungs-Blog erschienen. Der Beitrag wurde von Katja Stäheli und Daniela Melone übersetzt und angepasst.
Bild: Dontstop auf Canva
