Familialer Eigensinn als Bezugspunkt für die Elternbildung

 

«Familie» wird gerne hinsichtlich ihrer Funktion für unsere Gesellschaft betrachtet, jedoch kaum in ihrer Eigenschaft als eigensinnige soziale Gruppe. Der Begriff «Eigensinn» wird oft negativ verwendet, als «renitentes, «starrsinniges» oder «widersinniges» beharren auf eigenen Meinungen und Überzeugungen. Das ist schade, denn Eigensinn ist als Ausgangs- und Bezugspunkt für einzelne Menschen als auch für soziale Systeme, wie eben Familien, bedeutsam.

 

Was ist eigentlich «Sinn»?
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes «Sinn» zeigt Bewegung an: gehen, reisen oder auch «streben» - also ein Ziel verfolgen. Später kamen Bedeutungen wie «Richtung», «Verstand» oder «sich um etwas kümmern/auf etwas achten» hinzu.

Daher versteht die sinn- und werteorientierte Therapie und Beratung (Logotherapie) nach Viktor Frankl «Sinn» denn auch als die wertvollste Möglichkeit, die ein Mensch in einer konkreten Situation verwirklichen kann.

«Sinn» wird in der Logotherapie nicht allgemein verstanden, sondern als konkreter Sinn in einer konkreten Situation, mit der ein konkreter Mensch konfrontiert ist. Dieses Verständnis zeigt die Einmaligkeit und Einzigartigkeit von Sinn auf. Dabei ist jedoch nicht immer klar, was denn nun in einer Situation sinnvoll ist und wie wir uns entsprechend verhalten können. Unsere Werte bieten einen ersten Ansatz dafür: Wir orientieren uns daran, was wir als wichtig und wertvoll für uns und andere erachten – und handeln danach. Sinnvoll ist zudem, wenn das Wohl aller Beteiligten mitbetrachtet und miteinbezogen wird, was weder über- noch unterfordert und unter erfahrenen Menschen konsensfähig ist. Jeder Mensch und jede Familie hat einen eigenen Zugang dazu. Eigensinn eben.

«Die Realisierung von Eigensinn und selbstbestimmter Entfaltung im Privaten ist schliesslich das, was Individuen mit Familie verbinden

Karin Jurczyk, Soziologin

Selbstorganisation durch Eigensinn und Eigenlogik
Das Zitat der deutschen Soziologin Karin Jurczyk stammt aus dem Buch «Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist.» Die Herausgeber:innen des Buches bezeichnen darin eine Familie als «komplexes System mit Eigenlogiken und Eigensinn, deren fein austarierte Interaktionsprozesse sehr störanfällig sind; denn sie sind verzahnt mit den gesellschaftlichen Umwelten». Auch die beiden Psychotherapeuten und Systemiker Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer betonen die innere und autonome Logik der Selbstorganisation von sozialen Systemen wie Familien. Darüber hinaus vertreten sie die Ansicht, dass die Umwelt nicht kontrollieren kann, was im System geschehen soll. Sie formulieren daher sehr explizit: «Umwelt ist keine interventionsmächtige Planungsinstanz und Therapeuten können das System anstossen, anregen, verstören und in Eigenschwingung versetzen.»

 

Elternbildung als Anstoss zur Entwicklung
Viele Elternbildner:innen machen in ihren Weiterbildungsveranstaltungen genau diese Erfahrung: Obwohl ein Familiensystem störanfällig ist, laufen selbst noch so gut gemeinte «instruktive Interaktionen» ins Leere. Fachpersonen merken rasch, dass sie von aussen nicht kontrollieren können, was in einem System zu geschehen habe. Jedoch können sie hilfreiche Eigenprozesse bei Müttern und Vätern anstossen, die sich in der Folge auf das gesamte Familiensystem auswirken können. Daher werden in der Elternbildung – gemeinsam mit den Eltern – beispielsweise familiale Ordnungen, Bedeutungen, Strukturen, Regelmässigkeiten, Regeln, Kommunikation und Grenzen in Zusammenhang mit den Bedürfnissen der Familienmitglieder und dem Kindswohl beleuchtet und reflektiert. «Kommunikation ist der Schlüssel zur Koevolution», sagen Schlippe und Schweitzer. Und das ist ganz im Sinne einer Ermöglichungsdidaktik, die Bildungsprozesse als sensiblen Balanceprozess zwischen Eigensinnigem und Fremdsinnigen versteht.

Elternbildung ist ein Raum zur Reflexion und Entwicklung von familialem Eigensinn. Und das macht einen Unterschied.

 

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

 

Quellen:

  • Jurczyk, K., Lange, A., Thiessen, B. (Hrsg. 2014). Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist. Weinheim und Basel: Beltz Juventa
  • Von Schlippe, A., Schweitzer, J. (2003). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Arnold, R. (2007). Ich lerne, also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik. Heidelberg: Carl-Auer.

 

Bild: vernonwiley auf Canva

 

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