Förderung adaptiver Problemlösekompetenzen Erwachsener durch Elternbildung

 

Alle zehn Jahre erfasst das «Program for the International Assessment of Adult Competencies» PIAAC der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD die Grundkompetenzen Erwachsener im Bereich Lesen, Alltagsmathematik und des adaptiven Problemlösens. Die PIAAC-Studie wird oft als «PISA für Erwachsene» bezeichnet.  
Am 10.12.24 hat das Bundesamt für Statistik die PIAAC-Evaluation für 2023 veröffentlicht. Die Ergebnisse liefern insbesondere im Bereich der adaptiven Kompetenzen spannende Erkenntnisse für die Elternbildung. 

Adaptive Kompetenzen beziehen sich auf die Fähigkeit, sich flexibel an neue oder unerwartete Herausforderungen und Situationen anzupassen. Beim adaptiven Problemlösen geht es darum, wie gut Menschen mit unbekannten oder komplexen Situationen umgehen, ob sie in der Lage sind, Lösungswege systematisch zu entwickeln und anzupassen, auch wenn sich die Situation ständig verändert und es keine klaren oder vorgegebenen Lösungswege gibt. 

 

Erziehungskompetenzen sind adaptive Kompetenzen 

Denken Sie bei den obigen Beschreibungen auch sofort an Erziehungssituationen?  

Erziehung erfordert ein hohes Mass an Problemlösefähigkeiten. Eltern sind gefordert, auf unerwartete komplexe Herausforderungen zu reagieren, rasch und ohne klare Vorgaben. Sie müssen mit widersprüchlichen Informationen umgehen, die eigenen Emotionen managen und kreative Lösungen finden, um die Kinder adäquat zu fördern. 

Eltern mit wenig ausgeprägten adaptiven Kompetenzen haben grössere Schwierigkeiten bei der Bewältigung unvorgesehener Situationen und greifen daher stärker auf starre Erziehungsansätze zu, die nicht auf die individuelle Situation und die Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten sind. Im Erziehungsalltag stehen Eltern vor einer Vielzahl von Entscheidungen. Geringe Problemlösekompetenzen können dazu führen, dass Entscheidungen aufgeschoben oder vermieden werden, dass sich die Eltern überfordert fühlen und dass für das Kind oder die Familie ungünstige Entscheidungen getroffen werden. Auch auf das Konfliktmanagement können sich fehlende adaptive Problemlösekompetenzen auswirken, indem eine Lösungssuche erschwert sein kann und Konflikte eskalieren oder vermieden werden. 

Für die Familie können sich dadurch langfristige Konsequenzen ergeben, zum Beispiel durch ein erhöhtes Stressniveau oder erschwerte Eltern-Kind-Beziehungen. Die Auswirkungen für die Kinder sind absehbar und können sich beispielsweise in geringerer emotionaler Sicherheit, mangelnder Eigenständigkeit (mangelnde Vorbildfunktion der Eltern) oder eingeschränkten sozialen Kompetenzen zeigen. 

 

Die Befunde der PIAAC-Erhebungen 

Und, wie steht es denn nun um die adaptiven Problemlösekompetenzen der Erwachsenen in der Schweiz? Die Niveaus gehen in diesem Bereich von «unter Niveau 1»(der tiefste Wert) bis zu Niveau 4 (der höchste Wert in diesem Bereich).  

Unter Niveau 1 bedeutet: Personen können Probleme nur lösen, wenn die Lösungsschritte eindeutig vorgegeben sind. Sie haben Schwierigkeiten, auch nur minimale Anpassungen vorzunehmen oder unerwartete Situationen zu bewältigen. 

Niveau 1 bedeutet: Personen können einfache Probleme lösen, wenn die Aufgabenstruktur klar ist und nur wenige Variablen zu berücksichtigen sind. Sie können bekannte Lösungsansätze anwenden, aber Anpassungen sind nur eingeschränkt möglich. 

Niveau 2 bedeutet: Personen sind in der Lage, sich an neue Anforderungen anzupassen, wenn diese moderat komplex sind. Sie können Muster erkennen, mehrere Informationen kombinieren und bekannte Strategien flexibel einsetzen. 

Niveau 3 bedeutet: Personen können komplexe, neuartige Probleme systematisch lösen. Sie analysieren die Situation, entwickeln Strategien und passen diese bei Bedarf an. Sie sind in der Lage, mit Unsicherheiten umzugehen und verschiedene Lösungsansätze zu vergleichen. 

Niveau 4 bedeutet: Personen zeigen ein hohes Maß an Flexibilität und Problemlösefähigkeit in sehr komplexen oder dynamischen Umgebungen. Sie können kreative, innovative Ansätze entwickeln und gleichzeitig mehrere Variablen berücksichtigen. Sie arbeiten effizient in unbekannten Kontexten. 

 

Die Befunde zeigen:  

In der Schweiz verfügen 40% der ständigen Wohnbevölkerung im Alter von 16 bis 65 Jahren über gute und hohe adaptive Problemlösekompetenzen (Niveau 3 oder 4). Umgekehrt liegen bei 60% die Werte darunter (Niveau unter 1 bis Niveau 2). Bei 25% (1,38 Millionen Personen) der untersuchten Bevölkerung sind die Kompetenzniveaus gering (unter Niveau 1 oder 1). 

 

Elternbildung bedeutet auch Förderung Kompetenzen Erwachsener 

Die PIAAC-Ergebnisse verdeutlichen, dass eine Mehrheit der Erwachsenen in der Schweiz Defizite im adaptiven Problemlösen haben. Sie bestärken damit den Förderbedarf in diesem Bereich. Gezielte Bildungsangebote helfen Eltern, flexibel und kreativ auf Herausforderungen zu reagieren. 

Elternbildung fördert zahlreiche Fähigkeiten, welche adaptive Problemlösekompetenzen insgesamt stärken. Sie trägt entscheidend dazu bei, Defizite zu reduzieren, indem sie praxisnahe und handlungsorientierte Fähigkeiten vermittelt. Diese Förderung hat einen doppelten Nutzen: Sie stärkt Eltern in ihrer Erziehungsrolle und vermittelt gleichzeitig Fähigkeiten, die auch für die Anforderungen des Arbeitsmarktes essenziell sind. Diese Synergie trägt dazu bei, dass sowohl die individuellen als auch die gesellschaftlichen Anforderungen besser bewältigt werden können – ein Gewinn für Familien und Wirtschaft gleichermaßen. 

Nutzen Sie diese Argumente aktiv, um die Bedeutung der Elternbildung hervorzuheben und weitere Unterstützer zu gewinnen – sei es für Projekte, Programme oder im Fundraising. 

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH 

 

 

Bundesamt für Statistik: Kompetenzen von Erwachsenen 2023 

 

 

Bild: Miss Tuni auf Canva 

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