Eltern möchten mit ihrer Erziehung bewirken, dass ihr Kind zum Beispiel widerstandsfähig, mitfühlend, sozial, leistungsfähig, stark und mutig wird. Sie vermitteln ihren Kindern Alltags- und Lebenskompetenzen. Das ist keineswegs selbstverständlich, sondern eine grosse gesellschaftliche und immer wieder herausfordernde Aufgabe.
Eltern lernen ihr Elternsein. Und das unter ständig wechselnden Bedingungen – schliesslich entwickeln sich die beteiligten Personen, insbesondere Kinder, permanent weiter. Viele Menschen empfinden daher die Erziehung von Kindern als unangenehm und anstrengend. Leitplanken, welche diese vereinfachen, sind also willkommen.
Ein Erziehungsstil im Sinne von stabilen Einstellungs- und Verhaltensmustern, welche auf Grundannahmen und Werten der Erziehenden basieren, können eine solche Leitplanke sein. Da sich dieser nachhaltig auf die Entwicklung und das weitere Leben der Kinder auswirkt, muss der Erziehungsstil zwingend nicht nur zu den Eltern passen, sondern auch zum individuellen Kind mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten.
Ein Erziehungsstil bietet Orientierung, muss aber nicht schulbuchmässig umgesetzt werden – das kann Druck auslösen, weil er Eltern und Kindern nicht in allen Situationen gerecht wird. Was ich Ihnen damit sagen möchte: Es ist schön, wenn Sie für die Erziehung Ihrer Tochter eine Orientierung gefunden haben, die Ihnen grundsätzlich entspricht. Darin gibt es aber Aspekte, die Ihnen nicht gefallen? Dann lassen Sie diese einfach weg!
Konkret machen Sie sich, wie Sie mir schreiben, Gedanken um das Thema «Grenzen setzen». Um es vorweg zu nehmen: Ein antiautoritärer Erziehungsstil bedeutet nicht, ein Kind ohne Grenzen zu erziehen. Es ist der allgemeine Tenor, dass Grenzen für die kindliche Entwicklung wichtig sind: Kinder lernen dadurch eigene Grenzen und diejenigen anderer Menschen kennen; auch Rücksicht und Respekt.
Dennoch frage ich mich, ob es den Imperativ «setze Grenzen, das ist gut für dein Kind!» braucht? Wenn ich Kinder beobachte, habe ich den Eindruck, dass sie ständig herausgefordert sind, mit inneren und äusseren Grenzen einen Umgang zu finden. So plädiert denn auch der Autor Alfie Kohn dafür, «Grenzen zu begrenzen». Es beunruhigt ihn, «wenn Eltern (oder Leute, die Eltern beraten) mit Nachdruck und selbstzufrieden verkünden, wie wichtig es sei, Grenzen zu setzen». Allzu oft werde diese Formulierung nämlich benutzt, um einen Erziehungsansatz zu rechtfertigen, der viel zu sehr auf Kontrolle beruhe – und dies stets mit dem Argument, dass Kinder trotz Widerstand in Wirklichkeit nach Grenzen verlangen würden.
Alfie Kohn verweist auch auf den Psychologen Thomas Gordon, der von einer «gefährlichen Halbwahrheit» spricht: «Kinder verstehen und akzeptieren Grenzen vielleicht und verstehen deren Sinn – was sie brauchen ist, dass man sie einbezieht, anstatt sie einfach einzuschränken.»
Ähnlich argumentiert auch Remo Largo in einem Vortrag über Gehorsam (was ja mit Grenzen und Erziehung zu tun hat). Er sieht Gehorsam als zentralen Bestandteil unserer Kultur und Grenzen setzen als zentrales Thema. Jedoch äussert er Zweifel, ob es dabei tatsächlich ums Kind geht. Sein Fazit: Es geht eigentlich darum, die Erziehung möglichst effizient zu machen und eine Methode zu finden, mit der man mit möglichst wenig Zeit das Kind am besten kontrollieren kann. Das tönt hart, regt aber zum Nachdenken an. Und das ist gut so.
Für Eltern und Kinder gibt es zahlreiche Situationen, in denen es sinnvoll ist, Grenzen zu markieren. In den vielen Fällen braucht ein Kind anstelle einer Grenze aber eher eine Anleitung und ein am Alter des Kindes orientiertes Kommunizieren und Aushandeln von Regeln. Es braucht Erziehende, die sich damit auseinandersetzen, welcher Rahmen dem Kind Halt und Sicherheit bietet, damit es sich darin gefahrlos entfalten und Erfahrungen machen kann. Grenzen als «universales Erziehungsinstrument» einzusetzen, weil man glaubt, das Kind lerne dadurch etwas, das es sonst nicht lernt, würde ich kritisch hinterfragen.
Erziehung geschieht in Wechselwirkung zwischen Eltern und Kindern. Sie sind Verbündete darin, miteinander ein gegenseitig befriedigendes und förderndes Zusammenleben zu gestalten.
Ich wünsche Ihnen, Ihrer Tochter und der ganzen Familie alles Gute
Daniela
Originalbeitrag vom 7.5.21 hier:
https://www.tagesanzeiger.ch/brauchen-kinder-klare-grenzen-122055235887