Hört doch auf zu moralisieren!

Fachpersonen wissen, was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen. Jedoch - wie vermitteln sie dieses Wissen an Eltern?


Da war sie, diese Aufforderung eines Vaters an Fachleute: «Hört doch auf zu moralisieren!» Dieser Imperativ hat mich beschäftigt: Moralisieren wir? Und wenn ja, wieviel? 

Angenommen, Fachleute moralisieren – was tun sie dann? Laut Wörterbuch geht es darum, zu wissen, was sich gehört, wie etwas zu sein hat. Es geht um die Verwirklichung ethischer Werte, wie zum Beispiel das Miteinander zu regeln, niemanden zu gefährden oder höflich zu sein. 

«Ganz einfach», sagt mir eine Mutter, «Fachleute sagen mir unentwegt, was richtig ist, was wichtig ist, was wir zu tun haben und was wir ja nicht dürfen!» «Das ist doch toll!» meint eine andere Mutter, «so habe ich eine Leitlinie und ich weiss, wie sich mein Kind gut und gesund entwickeln kann.» «Ja, aber ich habe irgendwie keine Chance, weil sie es eh immer besser wissen. Das tun sie wirklich!» 
Moralisieren Fachleute also nur schon, weil sie ihr Wissen teilen? 


Eltern stärken ohne ein schlechtes Gewissen zu triggern
Am Elternbildungs-Barcamp diskutieren wir das in einer Session. Eine Teilnehmerin meint «Eltern sollen sich gestärkt fühlen, nicht schuldig». Wie kommt es, dass sich Eltern durch das Wissen der Fachleute, einen Hinweis, eine Aufforderung schuldig fühlen können?
Elternschaft und Erziehung des Kindes wird in der Öffentlichkeit oft als "die natürlichste Sache der Welt" betrachtet. Daher, so in dieser Betrachtungsweise weiter, braucht es nur etwas Intuition, Liebe und gesunden Menschenverstand, um ein Kind erziehen zu können. Wenn Eltern in ihrem Erziehungsalltag an Grenzen stossen und nicht weiter wissen, dann entsteht durch diese Betrachtungsweise bei Eltern das Gefühl des Versagens - offenbar stimmt etwas mit ihrer Intuition und dem gesunden Menschenverstand nicht. Und es mangelt ihnen wohlmöglich an Liebe für das Kind?

Auf dem Heimweg dann der Gedanke: Ja, und einer der moralisierendsten Sätze könnte sein: «Eltern wollen für ihre Kinder stets das Beste!». 
Darüber werde ich noch weiter nachdenken. 

Ich freue mich auf anregende Diskussionen zum Thema.


Dieser Text ist als Editorial im Newsletter 5/2019 erschienen und wurde für den Blog aktualisiert.
Bild von "Hello I'm Nik" auf Unsplash.

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