"Wir haben unsere zwölfjährige Tochter, die von Heimweh geplagt war, verfrüht aus den Ferien mit ihrem Götti und dessen Familie abgeholt. Eine Familie, mit der sie total vertraut ist und die sie gerne mag. Haben wir ihr damit wirklich einen Gefallen getan? Oder hätten wir im Telefongespräch mit ihr «härter» bleiben müssen, sie beschwichtigen sollen, damit sie künftig weiss, dass Heimweh zwar vorkommt, aber auch wieder verschwindet?"
Frage von Nadja
Liebe Nadja, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Ich kann Ihre Unsicherheit sehr gut verstehen: Es ist für viele Eltern schwierig, das eigene Kind leidend zu erleben. Bestimmt haben Sie am Telefon, mit Ihrer Tochter zusammen, die Situation abgewogen. Vermutlich haben Sie versucht, sie zu ermuntern und die vielen lustigen Dinge hervorzuheben, die sie mit der Familie vom Götti in den Ferien noch hätte erleben können. Ich bin überzeugt, Sie haben getan, was im Moment möglich und für Sie richtig war – und dann eine Entscheidung getroffen. Lassen Sie es gut sein und vertrauen Sie Ihrer Entscheidung. Ein nachträgliches Anzweifeln verunsichert Sie und Ihre Tochter.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie die Erfahrung, die Sie miteinander machen konnten, nicht reflektieren und für zukünftige Situationen nutzen können. Auch wenn Ihre Tochter die Ferien mit der Göttifamilie gewollt und sich darauf gefreut hat: Wie es sich anfühlen wird, konnte sie vorher nicht ahnen. Heimweh ist ein starkes Gefühl: Wir fühlen uns fremd, einsam, unsicher und traurig – so sehr, dass es weh tut! Kein Wunder, sehnen wir uns nach Vertrautem – nach dem Zuhause, nach der Familie. Das vermittelt Sicherheit und erleichtert den Umgang mit negativen Gefühlen, der gerade Kinder manchmal ganz schön überfordern kann.
Mitgefühl statt Mitleid
Sie fragen sich, ob Sie Ihrer Tochter mit dem Abholen einen Gefallen getan oder sie allenfalls einer hilfreichen Erfahrung beraubt haben. Damit sprechen Sie die Selbstwirksamkeitserfahrung an. Oder, etwas verständlicher ausgedrückt: Die Bestätigung, eine (herausfordernde) Situation beeinflussen und bewältigen zu können. Solche Erfahrungen sind wichtig, da sich daraus ein Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit entwickelt – auch in Belastungssituationen. Hier spricht man dann von der sogenannten Selbstwirksamkeitserwartung.
