An der Fachtagung «Familienwelten und kindliches Befinden – Auswirkungen von Familienformen und Scheidung auf Kinder und Jugendliche» des Psychologischen Instituts der Universität Zürich vom 22. August 2025 stand die Frage im Zentrum, wie es Kindern in unterschiedlichen Familienformen geht. Prof. Dr. Guy Bodenmann eröffnete die Tagung mit einem Vortrag, der gängige Vorstellungen kritisch hinterfragte und zeigte: Nicht die Familienform entscheidet über das Wohlbefinden der Kinder, sondern die Qualität des familiären Zusammenlebens.
Mythos 1: „Noch nie war Familie so divers wie heute“
Dieser Satz klingt plausibel, ist historisch aber nicht korrekt. Familien waren schon immer vielfältig: Stieffamilien nach frühen Todesfällen, Familien, in denen Kinder aus früheren Partnerschaften zusammenlebten (eine frühe Form dessen, was wir heute Patchwork nennen würden), oder auch Alleinerziehende, die schon immer Teil der Familienrealität waren. Auch Formen von Pflege oder Adoption innerhalb der Verwandtschaft gab es lange vor ihrer rechtlichen Verankerung.
Neu ist heute nicht die Vielfalt an sich, sondern die Gründe: Statt Sterblichkeit und Wiederverheiratung prägen heute Trennung, Scheidung oder bewusst gewählte Konstellationen die Familienformen. Hinzugekommen sind gesellschaftlich sichtbare und anerkannte Arrangements wie gleichgeschlechtliche Elternschaft. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die gesellschaftliche Anerkennung – denn weniger Stigmatisierung bedeutet mehr Sicherheit für Kinder.
Familien im Wandel: Verschiebungen seit 1970
Heute wachsen die meisten Kinder in der Schweiz in Zwei-Eltern-Familien auf (84 %). Davon lebt der überwiegende Teil mit den leiblichen Eltern zusammen, kleinere Anteile in Patchworkkonstellationen oder mit unverheirateten Eltern. Rund 16 % der Kinder leben bei einem alleinerziehenden Elternteil (davon 83 % bei der Mutter, 17 % beim Vater). Gleichgeschlechtliche Paare machen bislang nur einen sehr kleinen Teil aus (0,1 %).
Vor diesem Hintergrund zeigen die Statistiken seit 1970 deutliche Verschiebungen: Ein-Eltern-Haushalte haben sich mehr als verdoppelt (+128 %), Paare ohne Kinder nahmen stark zu (+101 %), während Paarhaushalte mit Kindern nur leicht wuchsen (+6,5 %).
Auch die Geschwisterkonstellationen haben sich verändert: Während 1970 noch 27 % der Kinder mit drei oder mehr Geschwistern aufwuchsen, sind es heute nur noch 16,8 %. Rund 40 % wachsen als Einzelkinder auf. Damit rückt das einzelne Kind stärker in den Mittelpunkt elterlicher Aufmerksamkeit – mit Chancen (mehr individuelle Begleitung), aber auch Risiken (Verwöhnung, Rollenumkehr).
Mythos 2: „Zwei-Eltern-Familien bieten die besten Voraussetzungen“
Auch dieser Mythos relativiert sich. Historisch waren Familien faktisch immer Kleinfamilien: Zwar wurden viele Kinder geboren, doch aufgrund der hohen Kindersterblichkeit überlebten meist nur wenige. Erst seit dem 20. Jahrhundert – mit sinkender Sterblichkeit – entwickelte sich jene enge emotionale Besetzung von Kindern, die wir heute kennen.
Doch selbst dort, wo beide Eltern präsent sind, ist die Qualität des Miteinanders entscheidend. Forschungen zeigen, dass konfliktreiche Zwei-Eltern-Familien Kinder genauso stark belasten können wie eine Trennung. Konflikte wirken sich direkt auf das psychische Befinden von Kindern aus – unabhängig davon, ob Eltern zusammenbleiben oder sich trennen.
Psychisches Befinden von Kindern nach Familienform
Untersuchungen belegen, dass Kinder in Zwei-Eltern-Familien im Durchschnitt von höherem Wohlbefinden berichten als Kinder in Ein-Eltern- oder Stieffamilien. Dieser Vorteil verschwindet jedoch, sobald die Konflikte im Elternhaus stark ausgeprägt sind – in solchen Fällen zeigen Kinder ähnliche oder sogar stärkere Beeinträchtigungen wie nach einer Trennung. Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang der sogenannte Push-Effekt: Kinder aus instabilen Familienkonstellationen suchen häufig früh nach neuen Bindungen, oftmals über sehr frühe sexuelle Erfahrungen, was mit einem erhöhten Risiko für Depressionen oder ungewollte Schwangerschaften verbunden ist. Auch komplexe Fortsetzungsfamilien, also Patchworkkonstellationen mit mehreren Elternteilen und Geschwistern, bringen zusätzliche Herausforderungen mit sich. Loyalitätskonflikte, unterschiedliche Erziehungsstile und eine ungleiche Ressourcenverteilung können das Familienleben auch Jahre nach einer Scheidung prägen.
Günstige Bedingungen für Kinder
Für ein gesundes Aufwachsen zählen weniger die Strukturen als bestimmte Bedingungen: Zeit und Verlässlichkeit, sichere Bindungserfahrungen, klare Strukturen und Regeln sowie ein positives Familienklima mit konstruktiver Konfliktbewältigung. Diese Faktoren können in allen Familienformen geschaffen – oder eben auch verfehlt – werden.
Konsequenzen für die Elternbildung
Die Forschungsergebnisse von Bodenmann bestätigen vieles, was in der Elternbildung bereits umgesetzt wird – und sie verdeutlichen zugleich, wo vertiefte Aufmerksamkeit weiterhin wichtig bleibt:
- Konfliktkompetenz im Fokus: Studien zeigen, dass konfliktreiche Zwei-Eltern-Familien ebenso belastend sein können wie Trennungskonstellationen. Elternbildung vermittelt deshalb nicht nur allgemeines Erziehungswissen, sondern fördert gezielt Methoden der konstruktiven Konfliktbewältigung. Programme wie kio – Konflikt ist ok zeigen exemplarisch, wie Paar- und Elternbeziehungen präventiv gestärkt werden können.
- Komplexität von Patchwork begleiten: Elternbildung nimmt Patchwork-Realitäten längst ernst. Die Forschung macht jedoch deutlich, wie sehr Loyalitätskonflikte, unterschiedliche Erziehungsstile oder ungleiche Ressourcenverteilung auch Jahre nach einer Scheidung belasten können. Elternbildungsangebote bieten hier wertvolle Reflexions- und Austauschräume.
- Psychische Gesundheit der Kinder mitdenken: Elternbildung richtet ihren Blick immer auch auf die psychische Entwicklung der Kinder. Bodenmanns Hinweise zum Push-Effekt oder zu Risiken früher Sexualität unterstreichen, wie eng elterliches Beziehungsverhalten mit dem Befinden von Jugendlichen verknüpft ist. Hier bleibt die Elternbildung am Puls der Forschung und entwickelt ihre Ansätze weiter, um Eltern zu stärken und Kinder nachhaltig zu schützen.
Damit wird klar: Elternbildung geht weit über klassische Erziehungsfragen hinaus. Sie ist ein zentraler Beitrag zu Gesundheitsförderung und Prävention – nicht nur für Eltern, sondern direkt für das Wohlbefinden der Kinder.
Fazit
Nicht die Familienform entscheidet über das kindliche Befinden, sondern wie Familie gelebt wird. Kinder brauchen sichere Bindungen, klare Strukturen und Eltern, die Konflikte konstruktiv lösen. Genau hier setzt Elternbildung an – unabhängig davon, ob es sich um Stief-, Patchwork-, Ein-Eltern- oder Zwei-Eltern-Familien handelt.
Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH
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