Leben in unsicheren Zeiten

Wie wir mit Veranderungen und "Chaos" umgehen - zwei verschiedene Herangehensweisen.

 

Im Moment hören wir es von allen Seiten: Wir leben in einer unsicheren, ungewissen Zeit! 

Ich frage mich: Ist das nicht immer so? 

Unser humanistisches Menschenbild betont Aspekte der Veränderbarkeit, der Entfaltungsmöglichkeit und den prozesshaften Charakter des Lebens. Diese Betrachtungsweise finden wir auch in der Naturwissenschaft. Sie zeichnet eine Welt voller Dynamik, ständigem Entstehen und Vergehen von Enitäten auf allen Ebenen. Wir leben in einer Welt, die geschieht und nicht in einer Welt, die ist. Eine Welt, die geschieht ist prozesshaft, komplex sowie voller Überraschungen und Neuigkeiten. 

Der Psychologe und Sozialwissenschaftler Jürgen Kriz beschreibt in seinem Buch «Chaos, Angst und Ordnung. Wie wir unsere Lebenswelt gestalten» zwei Arten, wie wir der Welt begegnen können: 
In einer Welt, die permanent geschieht, gibt es nichts Festes, auf das wir uns kontinuierlich verlassen können. Daher versuchen wir, die Prozesse der erfahrbaren Welt nach «Regelmässigkeiten» abzusuchen und einfache Regeln zu entdecken. Wir ordnen in Stücke und Kategorien, um das Unermessliche erfassen zu können. Ordnung ergibt auch eine Reduktion von Komplexität. Dadurch fühlen wir uns sicherer, weil wir Chaos strukturieren, Prognosen ermöglichen, Verlässlichkeit und damit sozusagen "das Vertraute" erschaffen. Für dieses Sicherheitsgefühl bezahlen wir einen Preis: In einer reduktionistischen Ordnung werden «die Dinge» starrer, gleichförmiger und langweiliger. 

Die andere Art, wie wir der Welt begegnen können, bewegt sich im gegenteilige Extrem: Dem Chaos, dem Hochkomplexen und dem Unvorhersagbaren. Indem wir uns auf die Einmaligkeit der Prozesse einlassen, können wir mehr Neues, Überraschendes und Kreatives wahrnehmen. Aber auch hier bezahlen wir einen Preis: Wir sind mehr Angst und Kontrolllosigkeit ausgeliefert. 

Wenn also die Welt «unordentlich» geschieht frage ich mich, ob unsere "neue Ordnung" die Unordnung sein könnte – zumindest ein kleines bisschen? An Stelle von unerschütterlicher Sicherheit über die Dinge, träte eine Haltung von unerschütterlichem Bewusstsein darüber, dass Sicherheit eine von uns geschaffene Illusion ist und wir «nicht wissen»? Wir würden von Komplexität und Überraschung ausgehen und wüssten, wie wir sinnvoll damit umgehen könnten. Dadurch liesse sich besser erkennen, wo Reduktion angezeigt ist und wo wir Chaos zulassen müssen. 

Die Frage an uns wäre dann nicht nur «wie gehen wir mit unserer Angst um?» sondern auch «wie fühlen wir uns trotz Chaos sicher?» Ein Gewinn für uns und unsere Kinder.

 

Dieser Text ist zum ersten Mal als Editorial des Newsletters 2/2020 erschienen.

Bild von StockSnap auf Pixabay

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