So wie jeder Mensch und jede Situation anders ist, ist auch die Art und Weise des Trostes sehr individuell. Es braucht nebst einer trostspendenden Person auch eine Person, die getröstet werden möchte. Es stellt sich also die Frage, wie der einzelne Mensch signalisiert, dass er oder sie Trost braucht. Vielfach kann man lesen, dass man Kinder unbedingt trösten müsse. Nur: Einem Kind Trost «aufzudrängen», missachtet seine Bedürfnisse genauso, wie wenn man einem Kind, das getröstet werden möchte, Trost verwehrt.
Wut als Abwehrstrategie oder aufgrund unerkannter Bedürfnisse?
Ihre Tochter ist offen und zeigt offenbar, wenn sie Nähe braucht. Vertrauen Sie darauf. Zeigt sie auch sonst ihre Bedürfnisse und setzt sie sich für deren Befriedigung aktiv ein? Mit ihrem Rückzug nimmt sie sich aus den geschilderten schwierigen Situationen heraus. Aus einem Ressourcen-Blick heraus könnten wir hier vermuten, dass sie abschätzen kann, was sie aktuell braucht. Oder dass sie erkennt, dass sie im Moment keine weitere Stimulation von aussen erträgt.
Sie verfügt über diese Fähigkeiten, weil Sie und Ihr Mann ihr seit den ersten Babytagen dabei geholfen haben, sie zu beruhigen und zu stabilisieren. So hat sie von Ihnen Strategien gelernt und sich auch das eine oder andere von der grossen Schwester abgeguckt. Sie kann und will sich nun selbst beruhigen und braucht Ihren Trost nicht mehr in diesen spezifischen Situationen (in anderen vielleicht dann schon). Sie zeigt Ihnen das, indem sie sich sofort zurückzieht und sich gegen Trost wehrt. Die Wut wäre demzufolge entweder eine Abwehrstrategie oder eine Wut, die sich daraus entwickelt, weil ihre Bedürfnisse nicht erkannt werden.
Fähigkeiten der Selbstregulation oder Schamgefühle?
Angenommen, dieser Ressourcen-Blick trifft auf Ihre Tochter zu, dann stellen sich wichtige Fragen:
-
Würde Ihre Tochter Ihren Trost annehmen, wenn sie das Bedürfnis danach hätte?
-
Wie lange dauert ein solcher Rückzug und was macht sie in dieser Zeit?
-
Und, ganz wichtig, wie geht es Ihrer Tochter, wenn sie aus ihrem Rückzug wieder in die Familie kommt? Konnte sie sich beruhigen?
Falls Ihre Tochter jeweils beruhigt wieder aus ihrem Rückzugsort zurückkehrt, scheint sie über fortgeschrittene Fähigkeiten der Selbstregulation zu verfügen.
Falls Sie jedoch beobachten, dass es ihr anschliessend nicht wirklich wieder gut geht, dann könnte ein Rückzug andere Gründe haben. Ich denke da beispielsweise an Motive wie negative Selbstbewertung oder Scham im Sinne von «Ich bin so tollpatschig, ich hätte nicht hinfallen sollen». Geht der Stress trotz Rückzug weiter, dann braucht Ihre Tochter offenbar doch Hilfe, um mit den Gefühlen umgehen zu können.
Trost kennt viele Ausdrucksformen
Was also tun? Trost zu spenden ist ja nur eine Möglichkeit. Beobachten Sie Ihre Tochter dezent in verschiedenen Situationen: Wie reagiert sie zum Beispiel in herausfordernden Situationen und wie meistert sie diese? Kann sie allenfalls Trost von anderen Bezugspersonen annehmen? Beobachten Sie sich aber auch selbst: Sind sie vielleicht eher emotional oder können Sie gelassen Trost anbieten?
Konnten Sie mit Ihrer Tochter bereits darüber sprechen, wie es ihr in solchen Momenten geht und was sie dann von Ihnen braucht? Falls Ihnen das schwerfällt, können Sie mit ihr ein passendes Bilderbuch oder Gefühlskarten anschauen (solche kann man vielerorts kaufen oder auch miteinander selbst machen).
Wenn Ihre Tochter Trost in Form von körperlicher Nähe und Umarmung nicht möchte, dann bedeutet es nicht automatisch, dass sie keine Form von Unterstützung oder Trost braucht. Trost kann so viele Ausdrucksformen haben. Vielleicht reicht es, wenn Sie signalisieren, dass Sie gesehen haben, wie es Ihrer Tochter geht und sagen: «Du möchtest jetzt für dich sein. Okay, ich bin da, wenn du mich brauchst.» Allenfalls können Sie miteinander ein «Code-Wort» vereinbaren, das Ihre Tochter ungeniert sagen kann, wenn sie Ihren Trost benötigt. Vielleicht richten Sie zusammen eine «Trost-Ecke» ein, in der sie sich entspannen kann. Manchen Kindern hilft es, wenn die Bezugsperson in der Nähe summt oder singt. Laden Sie Ihre Tochter dazu ein, ihre Ideen zu erzählen. Allenfalls können Sie sachte Vorschläge machen. Wie so oft – Ihr Kind hat die Führung.
Falls Sie in Ihrer Einschätzung unsicher sind, sprechen Sie doch mit Ihrer Mütter-Väter-Beraterin oder Ihrem Kinderarzt, Ihrer Kinderärztin darüber – das ist dann noch keine Abklärung, sondern einfach ein Gespräch mit einer Fachperson, die Sie gezielt unterstützen kann.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!
Daniela