Liebe ich mein Baby nicht richtig?

Nicht alle Mütter empfinden direkt nach der Geburt selbstlose Liebe – darüber gesprochen wird jedoch selten.

 

Mutterliebe ist selbstlos, dachte ich immer. Doch als meine Tochter vor einem Jahr auf die Welt kam, hat sich diese selbstlose Mutterliebe bei mir irgendwie nicht so richtig eingestellt. Ich finde sie «herzig», ja, und fühle mich auch verantwortlich für sie. Doch letztlich mache ich alles irgendwie nur mit dem Kopf: die richtige Menge Gemüse und Früchte für den Brei bereitstellen, ihr eine Mütze überziehen, damit sie nicht friert, sie im Arm wiegen, um sie zu trösten – alles mechanisch. Wie gelingt es mir, die Beziehung zu ihr mehr aus dem Herz heraus zu leben als nur aus dem Kopf?
Carmen


Liebe Carmen, herzlichen Dank für Ihre mutige Frage. Für viele Menschen ist Mutterliebe ein unantastbares Gut und darf nicht infrage gestellt werden. Meiner Erfahrung nach ist jedoch das unreflektierte Ideal der Mutterliebe für Mütter und Väter fatal: Als klischeehaftes Bild und starre Ideologie bringt sie Mütter in Not und degradiert Väter zu Statisten. Ich möchte das erläutern.


In meiner Arbeit habe ich mit zahlreichen Müttern über Mutterliebe gesprochen: Viele haben mir berichtet, dass sie nach der Geburt Mutterliebe empfunden haben – und viele nicht. Diese Mütter erzählten von grosser Unsicherheit und fragten sich, was mit ihnen nicht stimmt. Eine Mutter berichtete, dass sie monatelang darauf gewartet habe, dass ihr Wunschkind den ersten Platz in ihrem Leben einnimmt. Sie war eine zärtliche und fürsorgliche Mutter. Selbst nach Monaten dachte sie, wenn nun jemand ihr Kind mitnehmen würde, dann wäre sie zwar total traurig, aber das Leben ginge ja weiter.

Mutterliebe ist mehr als ein Gefühl - es ist ein Konstrukt.“

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Eine andere Mutter bezeichnete das Ausbleiben dieser Mutterliebe direkt nach der Geburt als Auslöser für eine postpartale Depression. Viele Mütter stellen sich ähnliche Fragen wie Sie, Carmen. Oft haben sie aber nicht den Mut, darüber zu sprechen. Dabei ist Mutterliebe mehr als ein Gefühl – es ist ein Konstrukt. Ich möchte gerne einige Aspekte davon etwas mehr beleuchten.


Der Mythos vom "Mutterinstinkt"
Mutterliebe ist auch ein historisches und politisches Thema. Die Soziologin und Professorin für Philosophie, Elisabeth Badinter, hat die Geschichte dazu aufgearbeitet. Sie beschreibt, dass es zu allen Zeiten liebende Mütter gegeben hat. Anhand zahlreicher historischer Beispiele zeigt sie jedoch auch, dass Mutterliebe keineswegs ein Gefühl war, das alle Mütter hatten: Offenbar war Mutterliebe also kein sozialer und moralischer Wert.


Die Geschichte der Mutterrolle und der damit verbundenen Mutterliebe ist gleichzeitig die Geschichte des Wertes eines Kindes in der Gesellschaft. Um der Kindersterblichkeit aus politischen Gründen systematisch zu begegnen, wurde laut Badinter auch der Mythos vom Mutterinstinkt und der spontanen Mutterliebe geschaffen. Falls Sie dieses Thema vertiefen möchten, finden Sie hier einen Blogartikel dazu.


Alles nur eine Frage der Hormone?
Die Hormone Oxytocin, Prolactin und verschiedene Dopamine werden mit Mutterliebe in Verbindung gebracht. Tierstudien zeigten, dass diese Hormone die Fürsorge von Tiermüttern stimulieren. Gleichzeitig wurde jedoch beobachtet, dass Fürsorge durch gewisse Prozesse im Gehirn auch bei anderen Tieren entstand. Frauen, die eine Frühgeburt erleben und bei denen diese Hormone daher nur wenig oder nicht ausgeschüttet werden, sind deswegen nicht weniger fürsorglich. Väter und Adoptiveltern sorgen für ihre Kinder und lieben sie innigst – ganz ohne Oxytocin und Prolaktin.


In einem Blogartikel sagt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm daher sehr prägnant: «Heute wissen wir, dass Mutterliebe kein natürlicher, unabänderlicher Instinkt ist, kein automatischer Bestandteil der weiblichen Natur, sondern ein menschliches Gefühl, das in höchst unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden sein kann.»


Liebe als Miteinander
Nächstenliebe, Heimatliebe, romantische Liebe, Selbstliebe – Liebe wird aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Während Biologen Liebe eher hormonell-biologisch beschreiben, klingt es bei Psychologinnen und Philosophen anders. Liebe wird oft als eine besondere Beziehung und tiefe Verbundenheit zu einem anderen Menschen beschrieben – sodass sogar eigene Grenzen überwunden werden.


Der Philosoph Robert Nozik betrachtet Liebe unter einem fürsorglich-gemeinschaftlichen Aspekt: Jemanden lieben bedeutet, seine Aufmerksamkeit auf das Wohlergehen des geliebten Menschen und auf die Verbundenheit zu lenken. Diese Menschen bilden ein «Wir». Auch andere Philosophen streichen heraus, dass Liebende im Sinne der Interessen eines geliebten Menschen handeln.


Wie Sie sehen, lässt sich das klischeehafte Bild von Mutterliebe kritisch hinterfragen. Folgende Fragen und Gedanken, wie Sie die Beziehung zu Ihrer Tochter verändern können, bauen darauf auf.


1. Was wäre wenn?
Sie scheinen eine Vorstellung davon zu haben, wie es wäre, wenn Ihre Beziehung zu Ihrer Tochter mehr aus dem Herzen kommt. Schauen Sie genauer hin: Angenommen, Sie würden diese Gefühle spüren, was wäre dann anders? Stellen Sie sich vor, wie sie morgens aufwachen, spüren Sie einen Unterschied? Gehen Sie gedanklich durch den Tag und fragen Sie sich, was anders wäre. Schauen Sie Ihre Tochter anders an? Streifen Sie ihr die Mütze anders über? Die Antworten auf diese Fragen können Ihnen dabei helfen, Ihre Erwartungen konkret zu erfassen. Sie werden dabei Bereiche entdecken, in denen sich wahrscheinlich gar nichts verändern würde. Das kann Ihnen verdeutlichen, dass Sie bereits heute vieles genauso tun, wie Sie es sich wünschen.


2. Ist Fürsorge Ausdruck von Liebe?
Jeder Mensch und damit auch die Art, wie Liebe erlebt und gezeigt wird, ist individuell. Welches ist die Ihre oder könnte die Ihre werden? Was mir wichtig erscheint: Sie fühlen Verantwortung für Ihre Tochter, Sie bereiten ihr Essen zu, Sie schauen, dass sie nicht friert, Sie wiegen und trösten sie. Diese Fürsorge können Sie als Ausdruck von Liebe betrachten. In dieser Infografik können Sie sehen, was Fürsorge für Babys und Kleinkinder, nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf seelischer Ebene, bedeuten kann. So wie Sie schreiben, setzen Sie schon einige davon um.


3. Wie genau gestaltet sich die Beziehung?
Auch wenn der Babybrei besser mit dem Kopf als dem Herzen zubereitet wird, sprechen Sie in Ihrer Frage die Qualität der Beziehung zu Ihrer Tochter an. Teilt Ihr Partner Ihre Beobachtungen? Oder sieht er womöglich Dinge, die Sie vielleicht gar nicht wahrnehmen, zum Beispiel Freude in Ihrem Gesicht, wenn Ihre Tochter besonders herzig lächelt? Falls er Ihre Einschätzung nicht teilt, vertrauen Sie darauf. Falls doch, wäre es bestimmt eine Hilfe, wenn Sie mit Ihrer Mütter- und Väterberaterin darüber sprechen und mit ihr zusammen die Situation einschätzen.


Die Frage nach der Beziehung beinhaltet noch weitere Aspekte. Wie treten Sie grundsätzlich in Beziehung mit anderen Menschen? Und vor allem, wie geht es Ihnen? Denn: Um mit Ihrer Tochter in Beziehung zu treten, brauchen Sie selbst einen sicheren Boden, ein inneres Gleichgewicht. Insbesondere nach einer Geburt, ist das oft eine Herausforderung. Wenn mit jedem «Wir» eine neue Identität entsteht, dann gilt es, eine Identität als Mutter und als Eltern zu entwickeln. Diese anspruchsvollen Prozesse brauchen Zeit und Raum. Liebe wächst nicht unter Druck und Unsicherheit. Liebe braucht Freiraum.


Haben Sie den für Sie persönlich notwendigen Raum, sich bewusst in Ihrer neuen Rolle zu erfahren und herauszufinden, wer Sie als Mutter sind? Haben Sie, nebst Ihrem Partner, auch die Möglichkeit, sich mit anderen Eltern offen und ehrlich auszutauschen? Das kann sehr wertvoll sein. In der Elternbildung finden Sie bestimmt etwas Passendes. Auch die Infografik «So bleibe ich als Mutter oder Vater seelisch stark!» kann Ihnen Anregungen geben. 


Ich wünsche Ihnen alles Gute und Vertrauen in sich und Ihre mütterlichen Fähigkeiten.
Daniela

Dieser Text ist am 20.01.2023 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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