Wer feiert wann mit wem?

Feiertage können für Patchwork-Familien so stressig sein, dass man am liebsten darauf verzichten würde.

 

Alle Jahre wieder graut es mir vor der Adventszeit – und den Weihnachtstagen. Denn sie sind für uns als Patchwork-Familie zuweilen ganz schön anstrengend. Wer feiert mit wem wann Weihnachten? Wer geht zum Weihnachtsapéro im Hort, wer zum Samichlaus in den Wald, wer ans Adventssingen der Kinder? Welche Grosseltern werden wann besucht etc.? Unsere Familiensituation ist wie folgt zusammengesetzt: Ich lebe seit vier Jahren mit einem neuen Partner, mit dem ich einen gemeinsamen Sohn (2) habe. Mit meinem Ex-Mann habe ich zwei Töchter (9) und (11). Dieses Jahr verkompliziert sich die Angelegenheit noch, da mein Ex-Mann zum ersten Mal seine neue Freundin samt dem Sohn an unsere Familienweihnachtsfeier mitbringt – was im Vorfeld schon für einige Diskussionen gesorgt hat. Was unseren zwei gemeinsamen Kindern natürlich nicht entgangen ist.

Leider belastet dieses Hin und Her unsere Tochter (11) gerade so sehr, dass sie absolut keine Lust dazu hat, mit uns gemeinsam Weihnachten zu feiern, sondern am liebsten nur bei ihren Grosseltern. Das tut mir unglaublich leid. Und mich beschleicht ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr die für Kinder doch so bezaubernde Zeit vermiese. Wie können wir mehr Ruhe und Entspanntheit in unsere Patchwork-Familie bringen? Sollten wir vielleicht ganz darauf verzichten, alle gemeinsam zu feiern?
Sophie (41)

 

Liebe Sophie, herzlichen Dank für Ihre Frage.

Sie wäre so schön, die Vorweihnachtszeit: Besinnlich geniessen wir in Ruhe vorweihnachtliches Miteinander. Die Realität sieht jedoch oft anders aus und als Patchwork-Familie brauchen Sie eine regelrechte «Weihnachtslogistikplanung». Hinzu kommen dieses Jahr Unstimmigkeiten rund um die weihnachtliche Familienrunde. Warum zeigt nun ausgerechnet Ihre grössere Tochter, dass sie die Situation belastet?

 

Ältere Kinder verkraften Trennungen oft weniger gut
Bei der Trennung war die Grössere maximal sieben Jahre alt. Besonders Schulkinder verkraften eine Trennung weniger gut als kleinere Kinder, schrieb der Entwicklungspädiater Remo Largo. Im ersten Lebensjahr bauen Kinder enge Bindungsbeziehungen an ihre vorrangigen Bezugspersonen – meistens die Eltern – auf. Ausgehend von dieser Stabilität können sich die Kinder weiterentwickeln und im (Vor-) Schulalter in die Welt hinaus gehen. Sie wissen, dass ihre Eltern für sie da sind. Schulkinder können sehr sensibel auf Veränderungen reagieren – besonders, wenn sich die Familie bei einer Trennung grundlegend verändert. Der nicht mehr wie gewohnt anwesende Elternteil wird bewusst als Verlust wahrgenommen. So gesehen erstaunt es wenig, dass nun die Elfjährige reagiert. Und, es ist gut, dass sie das so zeigen kann!

Es erscheint vielleicht paradox: Aber für das weiter entwickelte Kind ist eine Trennung schwieriger. Hinzu kommt, dass die Kinder Scham- und Schuldgefühle haben können, weil sie den Grund für die Trennung bei sich suchen. So gesehen erstaunt es wenig, dass nun die Elfjährige reagiert. Und, es ist gut, dass sie das so zeigen kann! Zur aktuellen Situation gehört nicht nur ein Blick auf Ihre Tochter, sondern auch auf die Herausforderungen als Patchwork-Familie.

 

Die Zweitfamilie als letzte Chance?
Als getrenntlebende Familie mussten Sie sich einerseits auseinanderleben und gleichzeitig neu organisieren. «Nicht wenige Paare und Eltern, die sich zu einer zweiten Familie zusammenschliessen, sind der Meinung, sie wären in ihren ersten Beziehungen gescheitert und dies sei nun ihre letzte Chance», sagt der Familienpsychologe Wolfgang Hantel-Quintmann. Es gilt, «erneutes Scheitern» zu verhindern. Es kann also ein so grosser Erfolgsdruck und Harmoniewunsch entstehen, dass wichtige Themen – wie zum Beispiel «Wer gehört zur Patchwork-Familie? Wer bin ich in dieser Familie und wer sind die anderen Familienmitglieder für mich?» – unbeantwortet bleiben. Und genau das kann später Lösungen verhindern.

Dabei geht es laut Hantel-Quintmann nicht nur um den Platz und die Rolle in der neuen Familie, sondern auch um «Verteilungsprobleme» rund um Raum, Zeit, Geld, Regeln, Normen und Liebe. Insofern sind die entstandenen Diskussionen zur Teilnahme der neuen Partnerin samt Sohn verständlich. Wie können Sie nun aber Ruhe und Entspanntheit in Ihrer Familie fördern?

 

Wer sind wir als Familie?
Wer gehört zu Ihrer Familie und wer nicht? Was ist wem weshalb wichtig? Wer sind Sie füreinander? Für eine Patchwork-Familie ist es wichtig, dass die Erwachsenen solche Fragen für sich selbst und miteinander klären – ohne die Kinder damit zu belasten. Nebst Offenheit brauchen Sie dafür auch einen inneren Kompass, der sich an Ihren Werten und Ihren Bedürfnissen und besonders an denen der Kinder ausrichtet. Wenn sich aus dem komplexen Familiengeschehen heraus Rituale, Regeln und Rollen verändern, braucht es auch einen Blick auf die Interessen der Patchwork-Familie als Ganzes. Gespräche dazu führen Sie am besten, wenn keine heiklen Entscheidungen oder stressige Zeiten anstehen. Wer mit wem wann worüber spricht, können Sie miteinander bestimmen.

Es braucht Mut, sich weniger daran zu orientieren, wie Weihnachten stattzufinden hat, als daran, wie es für die einzelne Familie stimmig ist.“

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Sobald die Erwachsenen die wichtigsten Fragen geklärt haben, können die Kinder mitreden und mitbestimmen. Der Familientherapeut Jesper Juul schlägt dafür zwei Mal im Monat ein Familientreffen vor. Einmal mit und einmal ohne Kinder. Während der ersten Jahre steht lediglich eine Frage im Zentrum: «Wie geht es mir zurzeit innerhalb meiner Familie?» Die ersten Male wechseln sich die Erwachsenen mit der Leitung ab. Später können auch die älteren Kinder mit Unterstützung leiten. Die Leitung öffnet die Runde und betont den Zweck des Treffens. Danach können reihum alle Familienmitglieder sagen, wie es ihnen geht. Fragen dazu dürfen gestellt werden, es wird jedoch nicht diskutiert. Nach dem Einstieg gibt es Gelegenheit, über das, was gesagt wurde, miteinander zu sprechen. Die Leitung beendet die Runde mit einer kurzen Zusammenfassung. Jeweils eine erwachsene Person und ein Kind organisieren Getränke und Snacks. An den Treffen sollen alle teilnehmen und sich beteiligen (es ist auch okay, zu sagen, dass man nichts sagen möchte). Die Treffen sollen nicht allzu lange dauern und einmal im Monat könnte man im Anschluss auch etwas miteinander unternehmen.

Diese Familientreffen sind vielleicht anfangs noch etwas ungewohnt und auch nicht für jede Patchwork-Familie geeignet. In Ihrer Familie scheint jedoch eine gute Grundlage dafür vorhanden zu sein. Nebst dem wichtigen Austausch stärken Sie dadurch auch die Gesprächskompetenz der Familie und der Kinder.

 

Wozu feiern Sie Weihnachten?
Ob Sie dieses Jahr auf ein gemeinsames Weihnachtsfest verzichten sollen? Lassen Sie das gemeinsame Fest ausfallen, dann könnte sich Ihre Tochter dafür verantwortlich und schuldig fühlen. Wozu möchten Sie denn gemeinsam feiern? Wenn die Antwort ist «wegen der Kinder!», dann fragen Sie die Kinder, was ihnen wichtig ist und wie sie Weihnachten gerne feiern möchten. Und das ist dieses Jahr vielleicht etwas anders als gewohnt. Es braucht Mut, sich weniger daran zu orientieren, wie Weihnachten stattzufinden hat, als daran, wie es für die einzelne Familie stimmig ist.

 

Ich wünsche Ihnen und Ihrer ganzen Familie alles Gute und frohe Weihnachten.
Daniela

Dieser Text ist am 16.12.2022 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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