Wie bekommt mein Sohn seine Wut unter Kontrolle?

Schubsen, hauen, treten - wird der Sohn aufgrund seines "rüpelhaften Benehmens" zum Aussenseiter?

 

Ich bin Mutter eines Sechsjährigen. Ein Kind, das seine Emotionen – seine Wut und Enttäuschung – oftmals nicht gut unter Kontrolle bekommt. So erhalte ich beinahe wöchentlich Nachrichten von Eltern seiner «Gspändlis», die mein Sohn gehauen, getreten oder geschubst hat. Meist passiert das als Reaktion, wenn ein anderes Kind meinen Sohn geärgert oder etwas kaputt gemacht hat. Manchmal aber auch, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Wir reden zu Hause oft über diese Situationen und wie er sich verhalten könnte – leider bislang mit mässigem «Erfolg». Wie können wir ihn als Eltern dabei unterstützen, dass er seine Impulse besser kontrollieren kann und sich nicht vollends zum rüpelhaften Aussenseiter macht?
Priska


Liebe Priska
Herzlichen Dank für Ihre Frage. In Situationen, wie Sie sie beschreiben, befürchten viele Eltern, sie hätten etwas falsch gemacht oder seien zu wenig streng. Allerdings gilt es zu bedenken, dass Sechsjährige noch nicht in der Lage sind, ihr Verhalten vollends zu steuern. Sie haben in Sachen Emotionsregulation zwar schon einiges gelernt, die Fähigkeit Emotionen und Verhaltensweisen zu kontrollieren ist jedoch erst im frühen Erwachsenenalter voll entwickelt – und gelingt daher noch nicht immer. Besonders, wenn das Kind von den eigenen Emotionen «überflutet» wird.


Kinder sind dann oftmals einfach hilflos und die besonders emotionalen unter ihnen zeigen häufiger aggressives Verhalten. Hauen, treten und schubsen tritt in diesem Alter noch vermehrt auf. Es geht jedoch nicht nur um die emotionale Entwicklung. Ich möchte daher noch weitere Aspekte beleuchten und dazu einige Ideen skizzieren.


Stress lass nach!
Ein Kind will seine Grundbedürfnisse befriedigen, seine Kompetenzen entfalten und seine eigenen Vorstellungen entwickeln können. Aber nicht immer passen diese Wünsche zu seiner Umwelt – dadurch kann Stress entstehen. Wohlbefinden, Selbstwertgefühl und das Selbstwirksamkeitserleben können dadurch so beeinflusst werden, dass sich ein Kind aggressiv verhält.


Selbstregulation braucht Erfahrung und Übung. Es ist toll, dass Sie sich bereits so gut über die Situationen unterhalten können. Ich denke, Sie könnten miteinander noch grundlegender beginnen und Beobachtungen anstellen: Welche Situationen sind für Ihren Sohn eher schwierig? Woran kann Ihr Sohn, dass sich bei ihm Stress aufbaut? Was macht er, um mit den Situationen umzugehen?


Für das erwünschte Verhalten bringt es viel, sich am bereits Gelingenden zu orientieren – das gibt mehr Selbstvertrauen. Sprechen Sie gelingende Situationen deshalb bewusst an und fragen Sie neugierig, was Ihrem Sohn dabei geholfen hat. Welche der Situationen kann Ihr Sohn bereits meistern - und wie?Wie kann er diese Strategien auch in anderen Situationen einsetzen? Indem Sie ihn ein passendes Symbol für die Strategien finden lassen, unterstützen Sie seine Erinnerung an diese Hilfsmittel. Sammeln Sie gemeinsam Ideen, die ihrem Sohn helfen, herausfordernde Gefühle wie Wut oder Hilflosigkeit zu erkennen, bevor er zuschlägt – wie zum Beispiel ein «Gefühlsthermometer».


Kinder brauchen «Herausforderungsbereiche», um neue Fähigkeiten zu lernen. Reagiert ein Kind aggressiv, geht es nicht einzig darum, dieses Verhalten loszuwerden, sondern sich zu fragen, was uns das über das Kind sagt. Sie müssen das Verhalten Ihres Sohnes auch nicht bewerten (er weiss, dass treten und schubsen nicht in Ordnung sind). Fühlen Sie sich stattdessen in ihn ein. Stellen Sie sich vor: Sie kommen gestresst und verärgert nach Hause. Ihr Partner empfängt Sie liebevoll, nimmt Sie in den Arm und sagt: «Was für ein Tag!». Er verlangt nichts, ist einfach für Sie da und hilft Ihnen dabei, sich beruhigen und entspannen zu können. Ähnliches kennen Sie bereits aus der Baby-Zeit mit ihrem Sohn, man nennt das Ko-Regulation, denn: Selbstregulation entwickelt sich durch Verbindung.


Die Situation mit den "Gspändlis"
Obwohl Ihr Sohn bereits Erfahrungen mit Gleichaltrigen machen konnte, sind viele Situationen neu. Besonders herausfordernd sind Situationen rund um verschiedene Interessen – die einen wollen das, die anderen jenes. Was tun?

An jeder Konfliktsituation sind mehrere beteiligt und leisten ihren Beitrag dazu. Kinder probieren sich aus, necken einander und schauen, wer zuerst die Fassung verliert. Sie tun das gerne mit Kindern, die sie gut kennen. Dabei meistern sie zusammen täglich viele kleine Konflikte. Gesehen werden jedoch nur diejenigen, bei denen es noch nicht klappt.

Wenn wir Erwachsenen beobachten, dass die Kinder allein nicht weiterkommen, können wir konstruktiv eingreifen. Das bedeutet: Keine Schuldzuweisungen, sachlich bleiben und mit den Kindern zusammen mithilfe folgender Fragen die Situation erkunden: Was ist das Problem? Was möchten die einzelnen Kinder und wie geht es ihnen dabei? Was könnte eine mögliche Lösung sein? Was wären die Auswirkungen dieser Lösung?
Die Erwachsenen staunen nicht selten, was Kinder zu diesen Fragen zu erzählen haben und auf welche Lösungen sie kommen.

Ganz besonders schön finde ich die Möglichkeit, Ihren Sohn nach einem Vorbild zu fragen: Gibt es ein «Gspändli», das in seinen Augen besonders gut mit Konflikten umgehen kann? Wie genau schafft es das?


Die Erwachsenen
Wer hat angefangen? Wer hat gehauen? Solche Fragen von Erwachsenen sind zwar verständlich, jedoch wenig hilfreich. Denn Konflikte unter Kinder sind komplex. Manche Mütter und Väter reagieren stark beschützend und verteidigend, wenn ihr Kind gehauen wurde. Das ist nachvollziehbar, kann jedoch eine spezielle Dynamik fördern: Sie beobachten das Geschehen fortan genau und möchten wissen: «Hat er/sie dich heute wieder gehauen?» Manche Kinder berichten dann auch von eher unbedeutenden Vorkommnissen, weil sie diese Dynamik mit den Eltern nicht unterbrechen können. So braucht es teilweise nur wenige Vorfälle und einem Kind kann rasch eine Aussenseiterrolle zugeschrieben werden.

Können Sie sich davor schützen, Ihrem Sohn das Etikett "rüpelhafter Aussenseiter" umzuhängen?“

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Sie bekommen von den Eltern der «Gspändli» Nachrichten. Wie sind diese formuliert? Informierend-sachlich oder vorwurfsvoll-ärgerlich? Wie reagieren Sie darauf? Suchen Sie das Gespräch und können Sie einander von den eigenen Befürchtungen und Bemühungen erzählen? Und, können Sie sich davor schützen, Ihrem Sohn das Etikett «rüpelhalfter Aussenseiter» umzuhängen?


Ich hoffe, dass Ihnen meine Gedanken und Ideen weiterhelfen können. Falls die Konfliktsituationen vorwiegend im Kindergarten/Schule vorkommen, ist es möglicherweise eine gute Idee, zusammen mit der Lehrperson Erfahrungen auszutauschen und miteinander zu überlegen, wie sie die Situation unterstützen kann.


Ich wünsche Ihnen allen und Ihrem Sohn alles Gute!
Daniela

Dieser Text ist am 24.02.2023 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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