Meine Tochter hat jeden Morgen Bauchweh.

Fast jeden Morgen hat das siebenjährige Mädchen Bauchweh, Kopfweh oder es ist ihm schlecht. Hat es Angst vor der Schule?

 

Ich bin am Verzweifeln: Beinahe jeden Morgen spielt sich bei uns seit einigen Wochen dasselbe Szenario ab – entweder sind es Bauchschmerzen, Kopfweh oder Übelkeit, die meine siebenjährige Tochter plagen. Da mein Mann und ich berufstätig sind und morgens ebenfalls aus dem Haus müssen, ist das für uns sehr belastend. Selbstverständlich nehmen wir unsere Tochter ernst. Hinter ihren Bauchschmerzen steckt eine versteckte Angst vor der Schule, das ist uns mittlerweile klar. Wir versuchen deshalb, gemeinsam mit den Lehrpersonen herauszufinden, woran das liegen könnte. Denn die Kleine ist grundsätzlich im Klassenverband gut integriert. Kürzlich wurde ich morgens so wütend, als meine Tochter mal wieder Bauchschmerzen hatte und nicht zur Schule wollte, dass ich sie grob ins Zimmer zerrte und sie zwang, ihre Kleider anzuziehen. Ich möchte sie nicht so grob behandeln, weiss mir aber einfach nicht mehr zu helfen. Was sagt ihr dazu?
Katja


Liebe Katja
Herzlichen Dank für Ihre Offenheit und den Mut, Ihre Frage in dieser Rubrik zu stellen. Beim Lesen Ihrer Zeilen hatte ich den Eindruck, als sei die Situation ziemlich festgefahren. Ich verstehe Ihre Ratlosigkeit. Einen sehr wichtigen Schritt haben Sie aber bereits getan: Sie haben erkannt, dass es so nicht weitergehen kann, und sind bereit, für sich selbst Hilfe anzunehmen. Bevor ich darauf eingehe, wo ich Handlungsmöglichkeiten sehe, möchte ich einige Gedanken zu drei Aspekten äussern, die mir im Zusammenhang mit Ihrer Frage wichtig erscheinen.


Ist das Kind gesund?
Darf ich davon ausgehen, dass Sie die Schmerzen Ihrer Tochter beim Kinderarzt abgeklärt haben und eine körperliche Erkrankung ausgeschlossen werden kann? Leider habe ich es schon viel zu oft erlebt, dass Erwachsene die Symptome von Kindern als psychosomatisch gelesen haben, es sich jedoch tatsächlich um körperliche Beschwerden handelte.


Der Übergang vom Kindergarten in die Schule
Um den Übergang vom Kindergarten in die Schule meistern zu können, muss ein Kind ganz schön viel leisten. Einige der gewohnten Abläufe verändern sich, Beziehungen werden aufgelöst und neue kommen hinzu. Die Erwartungen an ein Schulkind verändern sich in vielen Bereichen. Das wirkt sich wiederum auch auf die Identität des Kindes aus. Übergänge benötigen daher viel Stabilität und Sicherheit. Denn sie bedeuten nicht nur für Kinder Herausforderungen und bieten Entwicklungsmöglichkeiten, sondern für die ganze Familie. Das alles muss nicht, aber kann zu Schwierigkeiten führen.

Wie ist der Übergang Ihrer Tochter und der ganzen Familie gelungen? Erinnern Sie sich daran, wie es damals war, als Ihre Tochter in den Kindergarten gekommen ist? Was hat damals geholfen? Allfällige Schwierigkeiten können sich auch erst mit Verzögerung zeigen – und müssen nicht per se eine Angst vor der Schule bedeuten. Vielleicht bietet Ihnen diese Überlegung neue Ansatzpunkte für die Gespräche mit Ihrer Tochter oder den Lehrpersonen.


Angst vor der Schule
Wann und wie ist Ihnen klar geworden, dass Ihre Tochter Angst vor der Schule hat? Offenbar wissen Sie noch nicht so genau, was Ihre Tochter ängstigt. Können Sie miteinander darüber sprechen? Es ist nämlich ein grosser Unterschied, ob Ihre Tochter beispielsweise von einem Gspändli auf dem Schulweg geneckt wird, sich über- oder unterfordert fühlt oder zur Lehrperson noch kein Vertrauen aufgebaut hat.

Wie ist es denn, wenn Ihre Tochter mittags und abends nach Hause kommt, welchen Eindruck haben Sie dann von ihr? Bestätigt sich in solchen Momenten ihre Vermutung, dass sie Angst vor der Schule hat? Wichtige Hinweise geben Ihnen auch diejenigen Tage, an denen Ihre Tochter morgens keine Schmerzen hat. Was ist dann anders?

Es ist wichtig, dass Sie Ihre Tochter ernst nehmen und im Gespräch mit den Lehrpersonen sind. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Sie daraus noch keine besonders hilfreichen Erkenntnisse gewinnen konnten. Falls dieser Eindruck stimmt: Wie lange wollen Sie sich noch Zeit lassen, bevor Sie weitere Massnahmen ergreifen, um zu verstehen, wie Sie Ihrer Tochter helfen und sich selbst stärken können? Da das Phänomen Schulabsentismus (weitere Informationen dazu in der Infobox) gar nicht so unbekannt ist, wissen die Lehrpersonen bestimmt, welche weiteren Schritte möglich sind.

Was, wenn Angst vor der Schule im Moment die einfachste Erklärung ist?“

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Und was, wenn es nicht einfach um eine Angst vor der Schule geht und sich diese im Moment nur als einfachste, einzige Erklärung anbietet? Die Schmerzen Ihrer Tochter zeigen sich im täglichen Übergang von Daheim zur Schule. Dabei könnte das Daheim ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Was kommt Ihnen dazu in den Sinn?

Eine Mutter hat mir kürzlich berichtet, dass ihr frischgebackener Erstklässler morgens regelmässig Bauchweh hatte und nicht zur Schule wollte. Wie sich herausstellte, war für ihn letztlich der Gedanke schwierig, dass niemand zu Hause ist, falls er mal aus der Schule nach Hause müsste – beide Eltern waren neu seit dem Übertritt in die Primarschule wieder erwerbstätig.

Kommen wir nun zu Ihrer eigentlichen Frage:


Was tun, damit die Situation nicht erneut eskaliert?
Ich kann mir vorstellen, dass Sie und Ihre Tochter sich nach dem Vorfall ganz schrecklich gefühlt haben. Konnten Sie mit Ihrer Tochter darüber sprechen? Ich denke, das ist für Sie beide wichtig.

Eine Eskalation kommt nicht aus dem Nichts, es gibt vorher Anzeichen. Zum Beispiel an diesem Morgen: Wann haben Sie Ihren Druck wahrgenommen? Hat das bereits am Tag zuvor begonnen, beim Aufstehen, weil Sie vielleicht nicht so gut geschlafen haben oder erst später? Solche Beobachtungen sind sowohl rückblickend als auch im jeweiligen Moment zentral, denn wenn Sie merken, dass Ihr «innerer Druck» langsam ansteigt, können Sie immer noch aussteigen. Sie können beispielsweise aus dem Raum gehen und etwas tun, damit Sie «herunterkommen». Versuchen Sie, aufmerksam zu sein, denn sonst steigt Ihr Druck, bis die Situation eskaliert. Diese Aufmerksamkeit gegenüber Ihrer Befindlichkeit, Ihrem Druck oder Stress können Sie in verschiedenen Situationen tagsüber trainieren – wichtig ist, dass Sie sich die Zeit dafür nehmen. Besprechen Sie auch mit Ihrem Mann, wann er bei Ihnen Druck wahrnimmt, und vergleichen Sie das mit Ihrem eigenen Eindruck.

"Wer könnte Sie im Moment entlasten, bis sich die Situation beruhigt hat?"

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Die morgendliche Situation steht natürlich auch in Zusammenhang mit Ihrem Wohlbefinden und Ihrer Ausgeglichenheit. Wussten Sie, dass die Zeit, die wir für Erwerbsarbeit als auch für die Arbeit zu Hause in der Familie aufwenden, kontinuierlich zunimmt? Meist geht das zulasten der Hausarbeit und der eigenen Regeneration. Wie ist das bei Ihnen? Woher nehmen Sie die Kraft für Ihren anspruchsvollen Alltag? Was ist Ihnen wichtig? Können Sie diese Werte auch leben? Wo bestehen Brennpunkte, die einer Veränderung bedürfen?

 

Wer könnte Sie im Moment entlasten, bis sich die Situation beruhigt hat? Scheuen Sie sich auch nicht davor, Hilfe einer Erziehungsberatung (siehe Infobox) in Betracht zu ziehen – das kann auf jeden Fall für Entlastung sorgen und Sie werden auf viel Verständnis stossen.

 

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie von Herzen Kraft und Mut.
Daniela

Infos, Links & Anlaufstellen

Hier finden Sie Hilfe & Unterstützung

 

 

Dieser Text ist am 28.04.2023 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


Zum Originalbeitrag

 

feedback