Normal war einmal

Die Bedeutung von "normalisieren" für Eltern

 

Mütter und Väter, die vom ihrem eigenen «Eltern werden» berichten, beschreiben oftmals einen Prozess, der anders ist als alles, das sie bisher erlebt haben. Elternschaft wird als Fremdheitserfahrung dargestellt, die Unsicherheit auslöst und einen auch an eigene Grenzen heranführt. Eltern beschreiben das Neue und Fremde als sehr fordernd, umfassend und bedrohend.

Vielfach wird, im Anschluss an eine geschilderte Problemsituation, sogenannt «normalisiert». Das hört sich dann etwa so an: «Natürlich gab es Veränderungen, als wir Eltern wurden. Das ist ja selbstverständlich und das erleben ja alle Eltern. Da muss man halt einfach den gesunden Menschenverstand nutzen und dann geht das dann schon. Das geht allen Eltern so.» 

Wenn Eltern normalisieren, wird eine Reflexion zu den normalisierten Aspekten obsolet. Dies betrifft vor allem zwei Bereiche: Das eigene Selbstbild als Mutter oder als Vater sowie Gefühle. Im Zusammenhang mit Gefühlen hat sich gezeigt, dass Eltern ausschliesslich negativ konnotierte Gefühle normalisieren (z.B.: «Es ist ganz normal, dass Eltern mit kleinen Kindern gestresst sind.»). 

Normalisieren stellt für Eltern offenbar eine Hilfe dar: Es bietet zum einen Strategien für einen Umgang mit dieser fremden Elternschaft und zum anderen ist es eine Möglichkeit, die Komplexität von elterlichen Herausforderungen zu reduzieren. Normalisieren schafft akut Entlastung, indem es auf die gemeinschaftlichen Zusammenhänge aller Eltern verweist. Durch Normalisieren sichern sich Eltern das eigene Selbstverständnis. Das gibt Sicherheit und stärkt das eigene Selbstvertrauen. 

Elterliches Lernen vollzieht sich jenseits von Normalisieren. Es zielt darauf, dass Mütter und Väter immer mehr ihre eigenen Absichten, Werte, Gefühle und Überzeugungen wahrnehmen und reflektiert handeln - und dafür weniger etwas entsprechen, das sie unkritisch von Anderen übernommen haben. 

Elternbildnerinnen und Elternbildner begleiten Mütter und Väter darin, ihr eigenes Eltersein zu lernen. Elternbildung muss früh ansetzen, um Eltern effektiv darin zu unterstützen. 

 

Dieser Text ist zum ersten Mal als Editorial des Newsletters 1/2020 erschienen.

Quelle: Michalek, Ruth (2015). Elternsein lernen. Zur Bedeutung des Normalisierens bei transformativen Lernprozessen. Opladen: Barbara Budrich.

Bild: Canva.

feedback