Ohne Sicherheit kein Lernen

 

Das Forum Weiterbildung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI hat eine zentrale Frage aufgegriffen: Was motiviert Erwachsene mit geringen Basiskompetenzen, an einer Weiterbildung teilzunehmen? Die Antworten, die dort diskutiert wurden, reichen weit über die Grundbildung hinaus – sie betreffen auch die Elternbildung.

Viele Eltern verfügen über ganz unterschiedliche Lernvoraussetzungen. Sie begleiten ihre Kinder beim Lernen, beim Wachsen, beim Erwachsenwerden – und sie tun dies unter Bedingungen, die nicht für alle gleich sind. Wenn 15 % der Bevölkerung in der Schweiz über geringe Basiskompetenzen verfügen (und dieser Anteil bei den 45- bis 65-Jährigen auf über 30 % steigt), dann zeigt das, wie vielfältig die Ausgangslagen in Familien sind. Geringe Grundkompetenzen haben dabei viele Ursachen. Sie können ganz unterschiedliche Lebensverläufe und Bildungserfahrungen widerspiegeln. Leseschwierigkeiten oder Verständnishürden kommen in allen Bevölkerungsgruppen vor – unabhängig von Herkunft oder Muttersprache.

Für die Elternbildung bedeutet das weniger eine neue Frage als vielmehr eine vertiefte Perspektive: Wie können wir Lernangebote so gestalten, dass sie allen Eltern gerecht werden – unabhängig von ihren Bildungserfahrungen, ihrer Sprache oder ihrem Zugang zu Wissen? Die Erkenntnisse des Forums bekräftigen die Erfahrungen aus der Elternbildung, dass Teilnahmeentscheidungen stark an persönliche Bedürfnisse gebunden sind. Erwachsene nehmen dann an einer Weiterbildung teil, wenn sie darin eine konkrete Antwort auf eine aktuelle Herausforderung finden.

Wie Prof. Dr. Simone C. Ehmig in ihrem Vortrag «(Lern-) Motivation und Verbindlichkeit im Alltag von Erwachsenen mit Grundbildungsbedarf» zeigte, leben viele Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen in einem stabilen sozialen Umfeld, das Sicherheit bietet, aber zugleich formales Lernen erschwert. Motivation entsteht dort, wo Vertrauen besteht – nicht durch Appelle, sondern im gelebten Alltag und im Beziehungsraum der Familie.
Unsere Aufgabe ist es, solche Zugänge zu schaffen – durch eine Sprache, die verständlich ist, Materialien, die Sicherheit geben, und Lernformen, die Selbstwirksamkeit stärken. Die drei im Forum genannten Schlüssel «Kommunikation, Konzeption und Planung» sind auch für die Elternbildung wegweisend.

Das neue Portal kompetence.ch bietet dafür wertvolle Unterstützung. Es vereint Materialien, Studien und Tools zur Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener – darunter die Anwendung Talking Pictures zur sprachübergreifenden Verständigung oder Videos, die Lernprozesse in Gruppen sichtbar machen.
In ihrer zweiten Präsentation «Geringe Bildung muss kein Schicksal sein – Gering gebildete Eltern unterstützen bringt Kindern Zukunftschancen» zeigte Simone Ehmig eindrücklich, wie stark frühe Lernanregungen im Familienalltag – etwa gemeinsames Lesen, Erzählen oder digitale Sprachanlässe – die Kompetenzentwicklung von Kindern fördern und den Bildungserfolg nachhaltig beeinflussen.

In der Elternbildung sind wir es gewohnt, Eltern mit unterschiedlichen Bildungs-erfahrungen einzubeziehen. Doch es ist ein Unterschied, ob jemand wenig formale Bildung mitbringt oder ob grundlegende Kompetenzen selbst zum Hindernis werden. Können Eltern unsere Ausschreibungen überhaupt lesen? Auch das ist Teil der Frage, wie wir Zugänge gestalten. 
Elternbildung ist immer auch Grundbildung – nicht im Sinne der Vermittlung von Lesen, Schreiben oder Rechnen, sondern im Sinne von Verstehen, Gestalten, Teilhaben. Wenn wir diese Verbindung bewusst machen, schaffen wir Lernräume, die wirklich offen sind: für alle Eltern, die lernen wollen, ihren Kindern gute Lernbegleiter zu sein.

 

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

 

Bild: shironosov auf Canva

 

 

Zu den Präsentationen von Prof.Dr. Simone C. Ehmig

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