Sommerferien. Wie wir Kinder und die Beziehung zwischen den Eltern stärken können

Die Sommerferien werden oft mit Vorfreude erwartet. Sie stehen für gemeinsame Familienzeit, neue Entdeckungen, Erholung und die Möglichkeit, den Alltag etwas zu entschleunigen. Für viele Eltern sind sie jedoch auch eine anspruchsvolle Zeit: Tage organisieren, auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, Beruf und Ferien miteinander vereinbaren, Unvorhergesehenes bewältigen und manchmal auch mit hohen Erwartungen umgehen.

In Elternbildungsveranstaltungen taucht immer wieder eine zentrale Frage auf: Wie können Familien diese Zeit gemeinsam gestalten, ohne dabei ihre Kräfte zu erschöpfen?
Die Forschungen von Guy Bodenmann (Universität Zürich) bieten dazu eine interessante Perspektive. Sie erinnern uns daran, dass das Wohlbefinden von Kindern nicht nur von der Qualität der Aktivitäten abhängt, sondern auch von der Qualität der Beziehungen, die sie umgeben.

Wenn Eltern nach ihren Erwartungen an die Ferien gefragt werden, antworten viele, dass sie ihren Kindern schöne Erinnerungen schenken möchten. Die Forschung zeigt jedoch, dass einer der wichtigsten Faktoren für die Entwicklung von Kindern das familiäre Klima ist.i Kinder nehmen die Beziehungen, die sie täglich beobachten, sehr sensibel wahr. Sie spüren Spannungen, aber auch gegenseitige Unterstützung, Momente der Verbundenheit und die Art und Weise, wie Erwachsene mit Meinungsverschiedenheiten umgehen. Die Ferien bieten deshalb eine wertvolle Gelegenheit, familiäre Bindungen zu stärken – nicht indem perfekte Momente angestrebt werden, sondern indem emotionale Verfügbarkeit und die Qualität der Beziehungen gefördert werden.

 

Ferien als Spiegel familiärer Ressourcen
Während des Schuljahres ist das Familienleben durch feste Zeiten, Aktivitäten und Routinen geprägt. In den Ferien verändern sich diese Orientierungspunkte. Einerseits wird diese Freiheit oft geschätzt, andererseits können dadurch auch gewisse Belastungen sichtbar werden.
Angestaute Müdigkeit, unterschiedliche Erwartungen der Partnerinnen und Partner sowie finanzielle oder organisatorische Herausforderungen können Stress auslösen. Guy Bodenmann betont, dass familiäres Wohlbefinden nicht von der Abwesenheit von Konflikten abhängt, sondern von der Fähigkeit der Partner, Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen und sich gegenseitig zu unterstützen.
So können Ferien zu einem eigentlichen Lernfeld für familiäre Zusammenarbeit werden. Wie unterstützen sich Eltern gegenseitig? Wie treffen sie Entscheidungen? Wie gehen sie mit Unvorhergesehenem um? All diese Erfahrungen dienen Kindern als wichtige Lernmodelle.

 

Die gemeinsame Elternschaft pflegen
Während der Ferien stehen oft die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt. Die Forschung zeigt jedoch, dass die Qualität der Beziehung zwischen den Eltern ein wichtiger Schutzfaktor für das Wohlbefinden und die Entwicklung von Kindern ist.

Die gemeinsame Elternschaft zu pflegen bedeutet anzuerkennen, dass Eltern ein Team bilden und dass gegenseitige Unterstützung eine wertvolle Ressource für die ganze Familie darstellt. Dies kann sich in einfachen Gesten zeigen:

  • gemeinsam über Erwartungen an die Ferien sprechen;
  • Verantwortlichkeiten klar aufteilen;
  • sich gegenseitig ablösen, wenn jemand eine Pause braucht;
  • die Anstrengungen des anderen wahrnehmen und wertschätzen;
  • wenn möglich, auch Zeit für die Partnerschaft einplanen.

Wenn Eltern sich gegenseitig unterstützen, verfügen sie über mehr Ressourcen, um auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen.

 

Kinder brauchen keine perfekten Ferien
Soziale Medien vermitteln häufig Bilder von idealen Ferien: spannende Aktivitäten, tägliche Ausflüge, traumhafte Landschaften und glückliche Gesichter. Diese Darstellungen können unnötigen Druck erzeugen.
In Wirklichkeit brauchen Kinder kein perfektes Programm, um sich wohlzufühlen. Sie brauchen vor allem Zeit mit wichtigen Bezugspersonen, das Gefühl, gesehen und gehört zu werden und Momente echter Verbundenheit.
Die wertvollsten Augenblicke sind oft die einfachsten: gemeinsam kochen, Karten spielen, spazieren gehen, die Sterne beobachten oder vor dem Schlafengehen miteinander reden. Solche Erfahrungen stärken das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit – eine wesentliche Grundlage für das Wohlbefinden von Kindern.

Ferien bieten auch eine seltene Gelegenheit: nämlich zu entschleunigen.
Mehr Raum für freies Spiel zu lassen, Langeweile zuzulassen und nicht jede Minute optimieren zu wollen, kann für die ganze Familie wohltuend sein. Kinder entwickeln Kreativität, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen. Eltern wiederum finden Raum, um neue Kraft zu schöpfen.
Denn sich um Kinder zu kümmern, bedeutet auch, auf sich selbst und auf die eigenen Beziehungen zu achten.

 

Eine Einladung, familiäre Ressourcen zu stärken
Die Forschungen von Guy Bodenmann erinnern uns daran, dass familiäre Ressourcen jeden Tag durch gegenseitige Unterstützung, Zusammenarbeit und die Qualität der Beziehungen aufgebaut werden.
Sommerferien müssen nicht perfekt sein, um gelungen zu sein. Sie können vielmehr eine Zeit sein, in der das gestärkt wird, was wirklich zählt: die Beziehungen, die Familienmitglieder miteinander verbinden.
Und was, wenn die schönste Erinnerung an den Sommer nicht ein aussergewöhnliches Erlebnis wäre, sondern das Gefühl, gemeinsam Zeit verbracht zu haben – in einer Atmosphäre von Vertrauen, Respekt und Gelassenheit?

 

Für Elternbildnerinnen und Elternbildner
Dieses Thema bietet zahlreiche Anregungen für Gespräche mit Eltern:

  • Wie können wir unsere eigenen Ressourcen während der Ferien bewahren?
  • Wie kann die mentale Belastung innerhalb der Familie verteilt werden?
  • Wie kann die gemeinsame Elternschaft gestärkt werden?
  • Welche Erwartungen verbinden wir mit den Ferien?
  • Wie kann trotz alltäglicher Spannungen ein positives Familienklima gefördert werden?

Diese Fragen laden dazu ein, nicht nur die Bedürfnisse der Kinder, sondern auch diejenigen der Erwachsenen in den Blick zu nehmen, die sie begleiten.

 

Bild Pixabay

 

Hinweis
Bodenmann, G. Stress und Coping bei Paaren. 2000. Göttingen: Hogrefe.

Bodenmann, G. Dyadic coping and its significance for marital functioning. In T. A. Revenson, K. Kayser, & G. Bodenmann (Eds.), Couples Coping with Stress: Emerging Perspectives on Dyadic Coping (pp. 33-49). 2005. Washington, DC: American Psychological Association.

Bodenmann, G. Dyadic Coping and the Significance of this Concept for Prevention and Therapy. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 16(3), 108-111. 2008. Göttingen : Hogrefe Verlag.

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