Alles easy also? Leider nein: Demgegenüber steht die Aussage, dass Rivalität und Streit zwischen Geschwisterkindern nicht nur kurz-, sondern auch langfristige Folgen für die Entwicklung haben, zum Beispiel Ängstlichkeit, depressive Symptome und Delinquenz. Geschwisterstreit werde zu oft für normal gehalten und darum banalisiert, meint auch die Sozialarbeiterin Madleina Brunner Thiam.
Unterschiedliche Expertenmeinungen und Forderungen an Eltern
Inmitten der divergierenden Expertenmeinungen werden Forderungen an die Eltern laut: Sie sollen lernen, wann sie sich einzumischen und herauszuhalten haben. Denn: Mischen sie sich zu früh ein, vereiteln sie ein wichtiges Übungsfeld. Mischen sie sich nicht ein, riskieren sie allenfalls spätere Schwierigkeiten bei den Kindern. Und in beiden Fällen laufen sie Gefahr, den Konflikt mit ihrem Verhalten noch zusätzlich anzuheizen. Es scheint kompliziert.
Ich möchte Sie in Ihrer Haltung bestärken, die Handgreiflichkeiten nicht einfach bei den Kindern zu belassen. Dafür sprechen mehrere Argumente:
Vielen Kindern gelingen Streit und Versöhnung gut. Andere Kinder brauchen etwas mehr Anleitung, sie wissen noch nicht, wie man «konstruktiv» streitet. Kinder lernen ihr Konfliktverhalten auch am Vorbild der Erwachsenen und deren Erziehungsstil. Dabei geht es um Werte. Damit Kinder die Werte der Familie auf Konfliktsituationen übertragen können, brauchen sie die Unterstützung der Eltern. Temperamentvolle, emotionale Kinder haben ein grösseres Konfliktpotential. Eltern können ihre Kinder in der Emotionskontrolle anleiten. Wenn Sie intervenieren, können Sie das in verschiedenen, unterschiedlich intensiven Bereichen tun:
Gespräche
Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die (handgreiflichen) Konflikte: Wie geht es den Kindern und Ihnen dabei? Was brauchen die Kinder und Sie – gibt es vielleicht konkrete Wünsche?
Regeln
Falls die Kinder keinen Handlungsbedarf sehen, Sie sich aber weiterhin Sorgen machen, dann geht es vielleicht darum, Regeln miteinander zu vereinbaren. Ein Beispiel: Die Kinder streiten sich auf ihre Art. Die Eltern sind anwesend, intervenieren jedoch erst, wenn jemand (auch Mutter oder Vater) ein vorher vereinbartes Wort sagt. Wenn sich alle wieder beruhigt haben, besprechen sie die Situation. Eine solche Vereinbarung sensibilisiert für das Geschehen und regelt die Verantwortung.
Und noch eine Idee für eine Regel: Bestimmt sind nicht immer beide Kinder mit Lust am Raufen. Vielleicht braucht es eine «Safe-Zone». Wer an diesen Ort in der Wohnung geht, der ist sicher und darf nicht mehr «angemacht» oder geboxt werden. Besprechen Sie auch miteinander, was geschehen soll, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält.
Umgang mit Gefühlen
Wenn Sie Ihre Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen unterstützen wollen, dann eignen sich am besten Alltagssituationen dafür – und nicht die Konfliktmomente selber. Dabei geht es aber nicht einzig um die Regulation von Gefühlen, sondern auch darum, die eigenen Gefühle überhaupt wahrzunehmen und zu benennen. Sprechen Sie daher bei verschiedenen Gelegenheiten über Ihre persönlichen Gefühle und sprechen Sie auch diejenigen der Kinder an. Für sie ist es auch interessant zu hören, wie Sie mit Gefühlen umgehen und beispielsweise Ärger oder Frustration bewältigen. Dazu eine praktische, lustvolle Anregung: Führen Sie kleine Spielfiguren, Bilder oder Zeichnungen ein, die einen eigenen Gefühlszustand symbolisieren. Diese kann man dann einsetzen, wenn man den anderen Familienmitgliedern seine Befindlichkeit mitteilen will (z.B. «Achtung, ich bin mies gelaunt – lasst mich am besten in Ruhe»).
Ich bin überzeugt, Sie haben miteinander viele weitere Ideen! Wichtig erscheint mir, dass negative Gefühle oder noch teilweise fehlende Selbstkontrolle bei den Kindern nicht negativ bewertet wird. Ihre beiden emotionalen Jungs zeigen in der Schule, dass es ihnen gelingt, mit heftigen Gefühlen umzugehen. Der Fokus liegt also darauf, ihnen dabei zu helfen, dass sie das in Zukunft auch zu Hause schaffen.
Falls Ihr Mann das eine oder andere mitunterstützt, kann er damit die Botschaft an die Kinder und die Wirkung verstärken.
Ich wünsche Ihnen allen alles Gute.
Daniela