Streiten lassen oder schlichten?

Streitereien unter Geschwistern gelten als normal und sogar gesund. Wozu und wann Eltern dennoch dazwischen gehen sollten.

"Unsere Kinder (12 und 8) können leidenschaftlich streiten. Ich mache mir Sorgen, weil sie dabei des Öfteren auch handgreiflich werden und einander hauen. Wenn ich merke, dass sich ein Konflikt anbahnt, versuche ich zu schlichten, aber manchmal eskaliert der Streit recht schnell. Ich bin etwas beunruhigt, weil ich finde, dass sie ihre Aggressionen inzwischen besser im Griff haben sollten. Sie sind einander sehr ähnlich und beide emotionale Menschen. In der Schule ist die Aggression aber kein Problem. Mein Mann und ich sind uns auch nicht einig, wie man reagieren soll. Er findet, ich soll sie einfach streiten lassen. Vielen Dank für Ihren Rat!"
Jeanette

 

Liebe Jeanette, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Ich kann Ihre Sorge gut nachvollziehen. Im Alter Ihrer Kinder verbringen Geschwister viel Zeit miteinander. Viel Potential also, sich leidenschaftlichen Streitereien hinzugeben. Wie ist denn deren Beziehung, wenn sie sich nicht miteinander streiten?

Geschwister bieten ein Übungsfeld: Erlebnisse und Freude werden geteilt, Spannungen und Konflikte ausgetragen. Die Kinder lernen miteinander Konflikte zu benennen, diese auszuhalten und gemeinsam zu lösen. Sie machen die Erfahrung, dass man sich gern haben und trotzdem streiten kann. Dafür müssen sie ihre Gefühle kennen und damit umgehen können. Es ist auch wichtig, dass sie den Streit nicht in abwertender Weise auf die eigene Person beziehen.

«Aufgrund des heutigen Forschungsstands geht man davon aus, dass die vielfältigen Beziehungs-, Bindungs-, Kommunikations- und Konfliktmöglichkeiten in Geschwisterbeziehungen die psychische Widerstandskraft fördern, also positiv für eine gesunde Entwicklung der Kinder und späteren Erwachsenen sind»

Inés Brock, Erziehungswissenschaftlerin mit Spezialisierung in Geschwistersschaft

Alles easy also? Leider nein: Demgegenüber steht die Aussage, dass Rivalität und Streit zwischen Geschwisterkindern nicht nur kurz-, sondern auch langfristige Folgen für die Entwicklung haben, zum Beispiel Ängstlichkeit, depressive Symptome und Delinquenz. Geschwisterstreit werde zu oft für normal gehalten und darum banalisiert, meint auch die Sozialarbeiterin Madleina Brunner Thiam.


Unterschiedliche Expertenmeinungen und Forderungen an Eltern
Inmitten der divergierenden Expertenmeinungen werden Forderungen an die Eltern laut: Sie sollen lernen, wann sie sich einzumischen und herauszuhalten haben. Denn: Mischen sie sich zu früh ein, vereiteln sie ein wichtiges Übungsfeld. Mischen sie sich nicht ein, riskieren sie allenfalls spätere Schwierigkeiten bei den Kindern. Und in beiden Fällen laufen sie Gefahr, den Konflikt mit ihrem Verhalten noch zusätzlich anzuheizen. Es scheint kompliziert.

Ich möchte Sie in Ihrer Haltung bestärken, die Handgreiflichkeiten nicht einfach bei den Kindern zu belassen. Dafür sprechen mehrere Argumente:

Vielen Kindern gelingen Streit und Versöhnung gut. Andere Kinder brauchen etwas mehr Anleitung, sie wissen noch nicht, wie man «konstruktiv» streitet. Kinder lernen ihr Konfliktverhalten auch am Vorbild der Erwachsenen und deren Erziehungsstil. Dabei geht es um Werte. Damit Kinder die Werte der Familie auf Konfliktsituationen übertragen können, brauchen sie die Unterstützung der Eltern. Temperamentvolle, emotionale Kinder haben ein grösseres Konfliktpotential. Eltern können ihre Kinder in der Emotionskontrolle anleiten. Wenn Sie intervenieren, können Sie das in verschiedenen, unterschiedlich intensiven Bereichen tun:
 

Gespräche
Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die (handgreiflichen) Konflikte: Wie geht es den Kindern und Ihnen dabei? Was brauchen die Kinder und Sie – gibt es vielleicht konkrete Wünsche?
 

Und noch eine Idee für eine Regel: Bestimmt sind nicht immer beide Kinder mit Lust am Raufen. Vielleicht braucht es eine «Safe-Zone». Wer an diesen Ort in der Wohnung geht, der ist sicher und darf nicht mehr «angemacht» oder geboxt werden. Besprechen Sie auch miteinander, was geschehen soll, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält.
 

Umgang mit Gefühlen
Wenn Sie Ihre Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen unterstützen wollen, dann eignen sich am besten Alltagssituationen dafür – und nicht die Konfliktmomente selber. Dabei geht es aber nicht einzig um die Regulation von Gefühlen, sondern auch darum, die eigenen Gefühle überhaupt wahrzunehmen und zu benennen. Sprechen Sie daher bei verschiedenen Gelegenheiten über Ihre persönlichen Gefühle und sprechen Sie auch diejenigen der Kinder an. Für sie ist es auch interessant zu hören, wie Sie mit Gefühlen umgehen und beispielsweise Ärger oder Frustration bewältigen. Dazu eine praktische, lustvolle Anregung: Führen Sie kleine Spielfiguren, Bilder oder Zeichnungen ein, die einen eigenen Gefühlszustand symbolisieren. Diese kann man dann einsetzen, wenn man den anderen Familienmitgliedern seine Befindlichkeit mitteilen will (z.B. «Achtung, ich bin mies gelaunt – lasst mich am besten in Ruhe»).

Dieser Text ist am 18.9.2020 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


Zum Originalbeitrag

 

Quellen:

Inés Brock

Madleina Brunner Thiam

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