Umgang mit Scham in der Elternbildung

 

Knackige Themen und einen spannenden Foliensatz für meine Präsentation? Treffsichere Fragen und ein sorgfältig gewähltes Setting für meine Elternbildungsveranstaltung? Dann kann nichts mehr schief gehen. Oder doch? Was für ein erfolgreiches Bündnis mit den Eltern auch noch wichtig sein könnte...

Eine abwechslungsreiche Methodik und Didaktik oder pädagogische Raffinessen ebnen den Weg zu einer erfolgreichen Veranstaltung und zu wirksamen Elterngesprächen. Ein weiterer Fokus kann in anspruchsvollen Situationen über meinen Erfolg entscheiden: Die Berücksichtigung der Schamgefühle von Eltern.
 

Die Facetten von Scham und Schuld
Was hat die Scham der Eltern mit uns Elternbildner:innen zu tun? Viel. Sie ist menschlich und omnipräsent. Haim Omer, israelischer Psychologieprofessor, bekannt für sein Modell der «Neuen Autorität», erwähnt in seinen Büchern immer wieder die Bedeutung der Scham. Er spricht von der destruktiven Scham, die zu Abgrenzung, Abschottung, Wut oder Aggression führt. Und er beschreibt die konstruktive Scham, die sich in gutem Willen, in Liebe, Achtung, Hilfsangeboten und dem Wunsch nach Lösungen zeigt.
 

Scham verunmöglicht die konstruktive Zusammenarbeit
In einer Veranstaltung des Sina-Instituts im Juni 24 in Bern sprach Haim Omer – auf Grossleinwand zugeschaltet – darüber, Schamgefühle der Eltern in einer gelingenden Elternarbeit zu berücksichtigen. Eltern seien heute schneller auf der Anklagebank als früher (wo sie bereits ok waren, wenn sie gut und böse unterscheiden konnten). Heute seien Eltern rasch «schuld», wenn das Kind ausschere, mobbe, schlechte Noten habe, die Geschwister plage, usw. Wer sich schäme, kooperiere weniger, fühle sich in eine reaktive Defensive gedrängt, so seine Erkenntnis jahrelanger Elternarbeit.
 

Schamgefühle im Scheinwerferlicht
Ich denke an Situationen als Elternbildnerin, in denen die Scham von Eltern durchschimmert. Da ist die Mutter, die leise über den Grund ihrer Teilnahme am Kurs spricht und mutlos anfügt: «Ich mache wohl vieles falsch.» Ich sehe den Vater, der widerwillig mitkommt, weil er denkt: «Wer Unterstützung holt, ist schwach.» Ich spüre die Eltern, die sich an einer Grossveranstaltung der Schule in der Anonymität der Masse verstecken, jedoch angespannt darauf warten, dass ich ihnen ihre Unzulänglichkeit vor Augen führe und ihnen vorschreibe, was sie nicht tun sollten. Wie also kann ich Brücken zu Eltern schlagen, wenn ich mit meinen Themen oder Fragen an Schamgrenzen stosse?
 

Richtiges wording statt Moralkeule
Um mit beschämten Eltern in Beziehung zu kommen, anstatt ihre Abwehr zu spüren, präsentiert Omer eine Kommunikationsart, die er unter «Elternsprache» zusammenfasst. Der Begriff mag strittig sein, die Vorgehensweise ist spannend. Als Fachperson stelle ich zuerst die Errungenschaften der Eltern ins Zentrum: Wo sehen Eltern ihre Erfolge und Werte? Was brauchen sie als Eltern für ihr Wohlergehen? Dabei geht es um Ressourcen. Die Augenhöhe ist ein weiterer Aspekt der Elternsprache: Ich zeige Wertschätzung für schwierige Situationen und schlage nicht mit der Moralkeule um mich, weil sie abwertend wirkt. Ich etikettiere und bagatellisiere nicht von oben herab. Elternsprache gegen Scham ist Be-Achtung, ist Sprache des Respekts und der Würde, so Omer. Bekannt ist Omer für sein Konzept der Präsenz, welches auch bei Scham angewendet wird: Er rät, die Stimme der Eltern zu stärken und sie zu fragen, wie sie als Vater und Mutter präsent sein können. Mit den Eltern über weitere Stärken zu sprechen, ist «Elternsprache». Eltern hören zudem gerne, dass sie «Fels in der Brandung» sind oder eine «Ankerfunktion» haben.
 

Trotz Scham in Beziehung zu anderen bleiben
Entscheidend scheint Omer, dass wir die Vorbehalte der Eltern bei schwierigen Themen erwarten und kennen, jedoch die Botschaft vermitteln: «Das WIR ist stärker als das ich.» Dies betrifft die Wichtigkeit eines Netzwerks, die Überzeugung, dass Eltern nicht alles alleine schaffen müssen, sondern offen Hilfe suchen dürfen, ohne sich dafür zu schämen. Ein Netz ist wirksamer als Einzelpersonen, und als Eltern bleibe ich so in Beziehung zum Umfeld und im konstruktiven Handeln.
 

Der Weg zu einer erfolgreichen Kooperation
Haim Omer erwähnt die Scham als grosses Hindernis für Kooperation. Erst, wenn ich als Elternbildner:in mögliche Schamgefühle meiner Zielgruppe in der Vorbereitung berücksichtige, bin ich ganzheitlich unterwegs. Und dann haben auch mein vermeintlich perfekter Foliensatz oder meine treffsicheren Fragen für die Elternbildungsveranstaltung eine Chance, die Herzen der Eltern vollumfänglich zu erreichen.

 

Nadine Fesseler-Besio

 

 

Quellen:
 

  • Eigene Notizen zum Referat von Haim Omer «Die Sprache der Eltern sprechen», aus dem Tagungsprogramm «Eltern, auf gute Zusammenarbeit», vom Sina-Institut, 8. Juni 2024
  • Haim Omer/Arist von Schlippe: Stärke statt Macht, 2017
  • Haim Omer/Philip Streit: Neue Autorität, Das Geheimnis starker Eltern, 2019

 

Bild erstellt mit KI (DALL·E, OpenAI)

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