Unersetzlich und kaum sichtbar: die pädagogischen Leistungen der Familie

Vor 25 Jahren widmete die Schweizerische Fachzeitschrift für Elternbildung eine Ausgabe der Frage, was Familien leisten. Walter Herzog, Professor für Pädagogik an der Universität Bern, nahm darin eine Klage auf, die damals oft zu hören war: Die Familie werde ihrer Erziehungsaufgabe nicht mehr gerecht. Herzog las sie als Zeichen eines veränderten Verhältnisses von Familie und Schule. Heute ist dieselbe Klage wieder zu hören, von mehr Seiten als damals. Ein Vergleich zeigt, was sich seither verschoben hat und warum Herzogs Argumente für die Elternbildung aktuell bleiben.


Eine bekannte Klage
Lehrerinnen und Lehrer beklagten sich 2001, die «Nacherziehung» der Kinder lenke sie von ihrer eigentlichen Aufgabe ab, dem Unterrichten. Herzog fand diese Klage wenig überzeugend. Seiner Einschätzung nach erbrachte die Familie ihre pädagogischen Leistungen nach wie vor. Die Klage deutete er als Folge eines Wandels: Familie und Schule hätten sich auseinanderentwickelt und die Schule habe sich daran gewöhnt, die Unterstützung durch die Familie als selbstverständlich hinzunehmen. Bemerkenswert ist, aus welcher Position er das schrieb. Herzog präsidierte damals die Kantonale Konferenz der Lehrerinnen- und Lehrerbildung und argumentierte damit aus der Lehrerbildung selbst heraus.

Heute ist der Vorwurf wieder da und er kommt von mehr Seiten. In politischen Debatten heisst es, man müsse die Eltern «in die Pflicht nehmen». In Medienberichten und Kampagnen erscheinen Eltern oft als Ursache dessen, was bei Kindern schiefläuft: abgelenkt, nachgiebig, überfordert. Die Botschaft gleicht jener von 2001: Eltern erfüllen ihre Erziehungsaufgabe ungenügend.
 

Was nur Familien leisten
Herzog beschreibt die Familie als einmalige Sozialform. Sie bietet Intimität und Geborgenheit, ist nah an Körper und Gefühlen und hat ein Gespür für die Eigenheiten ihrer Mitglieder. Diese stimmen sich über lange Zeit aufeinander ab und vertrauen unbeirrt darauf, dass sie zusammenbleiben. Einzelne Leistungen der Familie lassen sich ersetzen, im Ganzen sind sie unersetzlich.

Was in der Familie entsteht, nennt Herzog soziales Kapital: Vertrauen in sich und andere, Respekt vor dem Andersartigen, die Bereitschaft zur Kooperation und die Anerkennung gemeinsamer Normen und Werte. Davon lebt die ganze Gesellschaft. Während Menschen in Beruf, Politik und Medien meist nur in einzelnen Rollen erscheinen, ist die Familie einer der wenigen Orte, an denen ein Mensch als Ganzes gesehen und in seiner Besonderheit anerkannt wird.

Herzog betont ausserdem die Zeit: Die pädagogischen Leistungen der Familie wirken langfristig. Ihre Wirkungen zeigen sich oft erst nach Jahren und lassen sich kaum ursächlich nachweisen. Ob Erziehung gelingt, ist im Voraus kaum zu sagen. Im Nachhinein fehlen oft die Kriterien, um Erfolg oder Misserfolg eindeutig der Familie zuzuschreiben.


Aus dem Schatten der Schule
Herzog erinnert daran, wie jung die öffentliche Schule ist: Das Schulsystem war 2001 kaum älter als 150 Jahre. Mit seiner Durchsetzung mussten Familien einen grossen Teil ihrer erzieherischen Aufgaben abgeben und sich dem Zeitplan des Unterrichts anpassen. Schule und Familie teilten damals dieselbe Erziehungskultur, geprägt von Gehorsam und Züchtigung. Kinder standen einer geschlossenen Front von Erwachsenen gegenüber.

Diese Einigkeit hat sich aufgelöst. Der Umgang mit Kindern ist offener und gesprächsbereiter geworden und die Erziehungskulturen von Familie und Schule unterscheiden sich heute deutlich. Seit dem 1. Juli 2026 hält das Zivilgesetzbuch fest, dass Eltern ihre Kinder ohne Gewalt erziehen (Art. 302 Abs. 1 ZGB). Der Wandel, den Herzog beschrieb, ist damit auch rechtlich verankert.

Zugleich zeigt Herzog, wie sehr die Schule auf die Familie angewiesen ist. Kinder kommen mit intellektuellen, sprachlichen, emotionalen, motivationalen und sozialen Fähigkeiten in die Schule, die sie in der Familie erworben haben. Schulerfolg hängt zu einem grossen Teil von den Ressourcen ab, die ein Kind zu Hause vorfindet. Gerade der Unterschied zwischen den beiden Erziehungskulturen lässt das deutlicher hervortreten. Die Familie tritt aus dem Schatten der Schule, hinterfragt deren Vorgaben, Methoden und Entscheide und wirft, wie Herzog schreibt, «ihren eigenen Schatten». Was die Schule als schwindende Erziehungskraft erlebte, deutete er als gewachsenes pädagogisches Selbstbewusstsein der Familie. Seine Folgerung: Familie und Schule passen nicht mehr selbstverständlich zueinander und brauchen deshalb mehr Austausch und Absprachen.


25 Jahre später: aufgewertet und unter Druck
In einem Punkt hat Herzog recht behalten: Was Familien für die Bildung ihrer Kinder leisten, ist sichtbarer geworden. Bewertet wird es heute allerdings anders, als er es 2001 deutete: weniger als Leistung, die Anerkennung verdient, mehr als Pflicht, deren Erfüllung man einfordert. Familie gilt als Bildungsort und an Eltern richtet sich der Anspruch, ihr Kind von Anfang an und während der ganzen Schulzeit bestmöglich zu fördern (Jurczyk, 2014). Die Familienforschung beschreibt den Wandel der Erziehung als Weg vom Befehlen über das Verhandeln zum Beraten: Eltern besprechen Situationen mit dem Kind und überdenken ihr Erziehen laufend (Ecarius, 2022). Damit sind sie fortwährend dafür zuständig, was ihr Kind erlebt und lernt.

Hinzu kommt, was die Forschung unter dem Begriff Doing Family sichtbar macht: Familie entsteht im Alltag, durch Fürsorge, Abstimmung und gemeinsames Tun. Diese Herstellungsleistung haben Familien immer erbracht (Rerrich, 2014). Gewachsen ist ihr Umfang: Was früher feste Rollen und Zeiten vorgaben, handeln Eltern heute zwischen Erwerbsarbeit, Schule, Betreuung und manchmal zwei Haushalten selbst aus. Viele gehen dabei bis an ihre Grenzen und stellen die Sorge für sich selbst zurück (Jurczyk, 2014).

So erreichen Eltern heute zwei Botschaften zugleich. Die eine lautet: Ihr seid entscheidend für die Bildung und Entwicklung eures Kindes. Die andere: Ihr erfüllt eure Aufgabe ungenügend. Die erste hebt den Anspruch, die zweite beschämt. Zusammen erzeugen sie einen Druck, den Eltern mit gutem Willen allein kaum auflösen können.


Was eine Momentaufnahme zeigt
Herzogs Hinweis auf die Langfristigkeit familiärer Leistungen ist heute besonders wertvoll. Ein Vater, der im Tram aufs Handy schaut, eine Mutter, die am Abend die Geduld verliert: Solche Momente lassen sich beobachten und fotografieren. Was dieselben Eltern über Jahre an Vertrauen, Zugehörigkeit und Geborgenheit aufbauen, zeigt sich im Verlauf. Wer Erziehung an einer Momentaufnahme misst, beurteilt einen Ausschnitt von wenigen Minuten und schliesst auf eine ganze Beziehung.

Auch Herzogs Bild der Familie als Ort, an dem ein Mensch als Ganzes gilt, betrifft Eltern ebenso wie Kinder. Ein Zuhause, in dem Kinder in ihrer Besonderheit anerkannt werden, braucht Raum für Unvollkommenheit, auch für jene der Erwachsenen. Familie ist für Eltern auch der Ort, an dem sie sich erholen und ohne Leistungsdruck da sein dürfen.


Beim Können ansetzen anstatt beim Sollen
Herzogs Text liest sich heute als Plädoyer, die Leistungen der Familie zu sehen, bevor man ihre Defizite beklagt. Diese Haltung prägt die Elternbildung seit Jahrzehnten:

  • Sie setzt bei dem an, was Eltern bereits tun und können.
  • Sie bietet Eltern Raum, ihr Erziehen im Austausch mit anderen Eltern zu reflektieren, wertschätzend und frei von Belehrung.
  • Sie unterstützt die Verständigung zwischen Familie und Schule, die Herzog schon 2001 gefordert hat: ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen zwei Partnern, die beide zum Gelingen beitragen.
  • Sie benennt die Bedingungen, unter denen Eltern erziehen, und erinnert daran, dass Zeit, Vereinbarkeit und Betreuung gesellschaftlich gestaltet werden.

Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder, Tag für Tag und über viele Jahre. Was sie dabei stärkt, sind Anerkennung für diese Leistung und Bedingungen, unter denen sie sie erbringen können.
 

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

 

 

Quelle und Literatur
Der Beitrag «Die pädagogischen Leistungen der Familie» von Walter Herzog erschien ursprünglich in der Schweizerischen Fachzeitschrift für Elternbildung, Ausgabe 3/01, S. 7–9, herausgegeben vom Schweizerischen Bund für Elternbildung SBE (heute Elternbildung CH).

  • Ecarius, J. (2022). Familienerziehung. In A. Schierbaum & J. Ecarius (Hrsg.), Handbuch Familie. Band II: Erziehung, Bildung und pädagogische Arbeitsfelder (2. Aufl., S. 137–157). Springer VS.
  • Jurczyk, K. (2014). Familie als Herstellungsleistung: Hintergründe und Konturen einer neuen Perspektive auf Familie. In K. Jurczyk, A. Lange & B. Thiessen (Hrsg.), Doing Family: Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist (S. 50–70). Beltz Juventa.
  • Rerrich, M. S. (2014). Doing Family – Stärken und blinde Flecken eines Zugangs. Versuch einer Bilanz. In K. Jurczyk, A. Lange & B. Thiessen (Hrsg.), Doing Family: Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist (S. 310–315). Beltz Juventa.
  • Schweizerisches Zivilgesetzbuch (ZGB), Art. 302 (Fassung in Kraft seit 1. Juli 2026).

 

Bild: SeventyFour auf Canva

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