Vom Zauberstab zur Wirklichkeit: Resilienzförderung in der Elternbildung neu denken

An der diesjährigen Mitgliederversammlung von Elternbildung CH hielt Prof. Dr. Wassilis Kassis (Institut Forschung und Entwicklung, Pädagogische Hochschule FHNW) ein Inputreferat zur Resilienzförderung in der Elternbildung. Seine zentrale Botschaft: Resilienz ist weder ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal noch eine Frage des guten Willens, sondern ein dynamischer Prozess, der gezielt erarbeitet werden muss – auf individueller, familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Ebene. Resilienzförderung ist damit eine gemeinsame Aufgabe mit dem Ziel, dass Familien ein Teil der Lösung und nicht des Problems sind. 


Was Resilienz nicht ist 
Der Begriff Resilienz stammt aus der Physik und beschreibt die Eigenschaft eines Materials, nach einer Belastung in seinen Ausgangszustand zurückzukehren – das Bild des Stehauf-männchens, das sich aus jeder Lage wieder aufrichtet. Diese physikalische Vorstellung wurde über Jahrzehnte weitgehend unwidersprochen auf den Menschen übertragen. Genau hier setzt Kassis seine Kritik an: Für Menschen ist diese Annahme irreführend. 

Wird Resilienz als individuelle Stehauf-Eigenschaft missverstanden, entsteht rasch die Erwartung, Betroffene müssten Belastungen einfach aus eigener Kraft überstehen – frei nach dem Motto «Was mich nicht umbringt, macht mich stark». Kassis hält dem die empirische Realität entgegen: In seinen eigenen Studien mit einer grossen, länderübergreifenden Stichprobe von Jugendlichen, die familiäre Gewalt erfahren hatten, fand sich kein Hinweis darauf, dass diese Erfahrung sie «stärker» gemacht hätte – im Gegenteil. Wer Resilienz dennoch allein dem Willen der Betroffenen zuschreibt, betreibt letztlich ein «Blaming the Victim»: Die Belastung wird den Betroffenen zugeschrieben und ihre Bewältigung zur individuellen Bringschuld erklärt. Im schlimmsten Fall mit dem Hinweis, dass andere es unter ähnlichen Bedingungen ja auch geschafft hätten. So werden Resilienzerfolge Einzelner zur Zumutung für alle anderen. 
 

Resilienz als dynamischer Prozess 
Diesem Missverständnis stellt Kassis ein zeitgemässes Verständnis gegenüber, das auf vier Einsichten beruht: 

  • Veränderbar: Resilienz ist ein dynamischer Anpassungsprozess – erlernbar und ebenso verlernbar. Sie ist kein fester Besitz, der einmal aufgebaut bestehen bleibt. 

  • Mehr als Persönlichkeit: Nicht nur personale Eigenschaften sind relevant, sondern auch kulturelle, gesellschaftliche, soziale und körperliche Faktoren. 

  • Im Austausch mit der Umwelt: Entscheidend ist die wechselseitige Interaktion zwischen dem Individuum und seinem Umfeld. 

  • Risiko und Schutz zusammen denken: Es geht immer um das Verhältnis von Risiko- und Schutzfaktoren – nicht allein um Salutogenese, also um das Arbeiten an den Stärken. 

 Der letzte Punkt ist Kassis besonders wichtig. Das alleinige Stärken von Schutzfaktoren greift zu kurz, wenn die Risiken zu gross sind. Er veranschaulicht dies mit dem Bild eines Kübels voller Löcher: Man kann unermüdlich Wasser nachgiessen, ohne dass der Kübel je voll wird, solange die Löcher nicht gestopft sind. Bevor Schutzfaktoren wirken können, müssen deshalb häufig zuerst die Risiken bearbeitet werden. Andernfalls wird Resilienz-förderung nicht nur wirkungslos, sondern zynisch. 
 

Pestalozzi als Bezugspunkt 
Für ein angemessenes Resilienzverständnis greift Kassis bewusst auf Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) zurück – allerdings nicht als pädagogische Folklore, sondern in seiner ursprünglichen, für seine Zeit hochrevolutionären Substanz. Pestalozzi wollte den Menschen «stärken» und ihn dahin bringen, «sich selbst helfen zu können». Schon 1797 formulierte er einen Gedanken, der für die Resilienzförderung von heute wegweisend bleibt: «Die Umstände machen den Menschen. Aber […] der Mensch macht die Umstände; er hat eine Kraft in sich selbst, selbige vielfältig nach seinem Willen zu lenken.» 

Genau darin liegt für Kassis der Kern: Der Mensch wird von den Umständen geprägt und prägt diese zugleich. Resilienz ist also weder reines Schicksal noch reine Selbstbestimmung, sondern, mit Pestalozzi, ein «Gemisch von Zufall und Freiheit». Wie gross der Freiheitsanteil ausfällt, hängt wesentlich von den Bedingungen ab. Davon, in welchem Land, in welchem Kanton, in welcher Gemeinde eine Familie lebt und ob dort beispielsweise ein Betreuungsplatz verfügbar und bezahlbar ist oder nicht. 
 

Resilienz entsteht nicht im Zuschauen: drei Adaptationsstrategien 
Resilienz stellt sich nicht von selbst ein. Niemand wird resilient, indem er nur zusieht. Es braucht das aktive Mittun verschiedener Beteiligter. Konkret unterscheidet Kassis drei Adaptationsstrategien, die sich ergänzen und nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten: 

  • Bewältigung (coping): das Potenzial, eine aktuelle Herausforderung kurzfristig zu meistern. 

  • Anpassung (adjustment): aus vergangenen Krisen lernen und sich auf wahrscheinliche künftige Herausforderungen einstellen. 

  • Transformation (transformative capacity): der umfassende, planvolle Wandel hin zu einem neuen, stabileren Zustand, der die Risikofaktoren selbst reduziert. 

Übertragen auf die Elternbildung lässt sich das an einer Familie zeigen, die unter Druck steht – etwa durch die psychische Belastung eines Elternteils. Bewältigung hiesse, in der akuten Situation konkrete Unterstützung und Entlastung zu erhalten, damit der Familienalltag mit den Kindern überhaupt tragfähig bleibt. Anpassung bedeutete, aus der Erfahrung zu lernen, verlässliche Routinen aufzubauen und ein unterstützendes Umfeld zu organisieren, das auf wiederkehrende Belastungen vorbereitet ist. Transformation schliesslich zielte auf die Strukturen selbst: niederschwellige, verfügbare und bezahlbare Unterstützungsangebote für Familien, welche die Belastung an der Wurzel verringern. Alle drei Strategien sind notwendig und sollten zusammenwirken, nicht gegeneinander ausgespielt werden. 

Diese Arbeit ist anspruchsvoll – Kassis nennt Resilienzförderung einen «Knochenjob». Was bedeutet das konkret? Vor allem, dass es mit einem einmaligen Angebot nicht getan ist. Ein einzelner Elternkurs, ein gutes Gespräch, eine wohlwollende Lehrperson – das genügt selten. Wirksam wird Unterstützung dort, wo sie über lange Zeit dranbleibt: wo Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen immer wieder neu ansetzen, auch wenn Rückschläge kommen und wo niemand auf den schnellen Erfolg setzt. Hinzu kommt, dass es kein Patentrezept gibt: Was der einen Familie hilft, muss der anderen nicht helfen. Förderung muss auf das jeweilige Kind, die jeweilige Familie und die konkrete Belastung zugeschnitten sein und den Eigenanteil der Beteiligten berücksichtigen, der je nach Alter und Situation grösser oder kleiner ausfällt. 
 

Gewalt aus der Mitte der Gesellschaft 
Warum rückt Kassis ausgerechnet familiäre Gewalt ins Zentrum? Weil Resilienz überhaupt erst dort zum Thema wird, wo eine Belastung vorliegt – und weil familiäre Gewalt zu den gravierendsten und zugleich häufigsten Belastungen im Aufwachsen gehört. Sie ist damit ein Prüfstein dafür, was Resilienzförderung leisten muss. Wie verbreitet sie ist, zeigt Kassis mit empirischen Befunden aus seiner langjährigen Forschung: Eine repräsentative Stichprobe von rund 2'000 Jugendlichen aus den Kantonen Aargau, Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Solothurn macht deutlich, dass rund 25 bis 27 Prozent der Jugendlichen (etwa jede:r Vierte) Aussagen zustimmen, die auf physische Misshandlung durch die Eltern hinweisen. Zwischen 12 und 14 Prozent (etwa jede:r Siebte) haben physische Gewalt zwischen den Eltern miterlebt. Auf eine Schulklasse gerechnet sind das mehrere Kinder pro Klasse. 

Besonders wichtig ist Kassis dabei eine Klarstellung, die einem verbreiteten Vorurteil entgegensteht: Familiäre Gewalt ist kein Randphänomen und lässt sich nicht entlang von Herkunftslinien wegerklären. Es gebe, so Kassis, keine bedeutsamen Unterschiede aufgrund sozialer oder kultureller Herkunft; der Migrationshintergrund erkläre statistisch lediglich rund 1,7 Prozent der Varianz – also so gut wie nichts. Einfach ausgedrückt: Ob eine Familie einen Migrationshintergrund hat, sagt praktisch nichts darüber aus, ob in ihr Gewalt vorkommt; die entscheidenden Gründe liegen anderswo. Familiäre Gewalt kommt aus der Mitte der Gesellschaft, auch in der Schweiz. Diese Befunde decken sich mit aktuellen Meldungen, etwa dem gemeldeten Anstieg bestätigter Kindesmisshandlungen am Kinderspital Zürich und der zunehmenden häuslichen Gewalt in der eidgenössischen Kriminalstatistik. 

Ernüchternd ist auch der zeitliche Verlauf, den Kassis aus seinen Längsschnittdaten ableitet: Resilienz, die heute besteht, bleibt ohne gezielte Förderung nicht bestehen. Nach zwei Jahren ist nur noch rund ein Drittel der ursprünglich als resilient eingestuften Jugendlichen weiterhin resilient. Eine soziale Traumatisierung erfordert also Unterstützung über längere Zeit – sie verschwindet nicht von selbst. 

Hinzu kommt eine kritische Lesart, die Kassis bewusst einnimmt: Resilienz wird häufig als Erfolgsgeschichte erzählt. Tatsächlich ist – bezogen auf Jugendliche mit Gewalterfahrung – zu einem gegebenen Zeitpunkt nur etwa jede:r Sechste resilient, während rund 85 Prozent weiterhin erheblich unter Druck stehen. Wer Resilienz als frohe Botschaft feiert, übersieht leicht diese Mehrheit. Genau deshalb plädiert Kassis für Realitätsbewusstsein statt für einen schönfärberischen Resilienz-Optimismus. 

 

Was wirkt: Schutzfaktoren mit Substanz 
Auf die Frage nach den evidenzbasierten Schutzfaktoren betont Kassis, dass es keinen allgemeinen Resilienzfaktor gibt - Schutzfaktoren sind immer spezifisch zur jeweiligen Belastung. Mit Blick auf familiäre Gewalt nennt er drei wirksame Ansatzpunkte: 

  • Risiken reduzieren: Solange Gewalt mehrmals wöchentlich erlebt wird, kann kein Schutzfaktor sie aufwiegen; zuerst muss die Gewalt im (familiären) Umfeld verringert werden. 

  • Elternbildung: Kurse zum Erziehungsstil können nachweislich dazu beitragen, dass Eltern ihr Verhalten verändern. 

  • Schule: Wirksam sind Lehrpersonen, die diese Kinder und Jugendlichen trotz belastender Symptomatik positiv aufnehmen, sowie ein integratives Klassenklima. Der schädlichste Faktor ist hier der Ausschluss. Nichts wirkt sich nachweislich negativer auf die kindliche und jugendliche Entwicklung aus als das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. 

 Zugleich macht Kassis auf eine paradoxe Verteilung von Angeboten aufmerksam: Präventions- und Gewaltkurse häufen sich oft dort, wo ein hoher Anteil an Familien mit Migrationshintergrund vermutet wird, während sie an anderen Schulen – etwa Gymnasien – kaum stattfinden. So erhalten gerade jene Familien wenig Unterstützung, bei denen sie ebenso hilfreich wäre. Eine treffsichere Förderung muss sich an Bedürfnis, Bedarf und Angebot orientieren, nicht an Vorannahmen über Herkunft. 
 

Konsequenzen für die Elternbildung 
Aus dem Referat lassen sich mehrere Leitlinien für die Praxis ableiten: 

  • Risiken ernst nehmen, bevor Stärken gefördert werden. Wo Belastungen gross sind, braucht es zuerst ihre Reduktion – sonst bleibt die Stärkenarbeit wirkungslos. 

  • Spezifisch statt pauschal fördern. Angebote sind auf die konkrete Familie, das konkrete Kind und die konkrete Belastung zuzuschneiden. 

  • Resilienz nicht als Erfolgsgeschichte verkaufen. Der nüchterne Blick auf die Mehrheit, die weiter unter Druck steht, schützt vor verfrühtem Optimismus. 

  • Eltern nicht allein lassen. Erziehung wird gesellschaftlich als Privatsache betrachtet und ist zugleich von hohem öffentlichem Interesse. Verantwortung tragen Eltern, Schulen, Heime, Familienpolitik und Elternangebote gemeinsam. 

  • Vorurteile mit Evidenz begegnen. Familiäre Gewalt ist kein Herkunfts-, sondern ein gesellschaftliches Phänomen – Angebote sollten sich am tatsächlichen Bedarf ausrichten. 

  • Dranbleiben. Resilienz erfordert kontinuierliche Begleitung; einmalige Massnahmen genügen nicht. 
     

Fazit 
Resilienz ist kein Selbstläufer und kein Sonntagsspaziergang. Sie entsteht nicht von allein, sie lässt sich nicht verordnen, und sie hält nicht von selbst an. Was sie braucht, ist beides zugleich: den langen Atem in der täglichen Arbeit mit Familien und den Mut, auch die gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, unter denen Familien leben. Oder mit Worten Kassis gesprochen: leise und dauerhafte pädagogische ebenso wie beharrliche und laute sozialpolitische Schritte. Damit Familien gestärkt werden und ein Teil der Lösung sein können, nicht des Problems. 

 

Dieser Beitrag basiert auf dem Inputreferat von Prof. Dr. Wassilis Kassis an der Mitgliederversammlung von Elternbildung CH vom 26. März 2026. Die redaktionelle Aufbereitung erfolgte durch Daniela Melone unter Einsatz KI-gestützter Werkzeuge. 

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