Ich habe zwei Mädchen zu Hause. Meine grosse Tochter ist 13 Jahre alt, meine kleine 9. Bislang hatte ich zu beiden ein sehr nahes und inniges Verhältnis. Seit kurzem aber macht mir meine Grosse ziemliches Kopfzerbrechen: Sie kapselt sich total ab! Stundenlang sitzt sie nach der Schule im Zimmer, erzählt nichts, hat kaum Aussenkontakt, sitzt stundenlang auf dem Bett herum und hört Musik. Spreche ich sie darauf an, sagt sie: Ich will einfach meine Ruhe! Ich wäre ihr gerne wieder näher, weiss aber nicht, wie ich es anstellen soll.
Claudia
Liebe Claudia
Herzlichen Dank für Ihre Frage. Wie Sie bestimmt wissen, geschehen im Alter Ihrer Tochter grundlegende biologische, soziale, emotionale und kognitive Veränderungen. Vielleicht sind Sie sich auch bewusst, dass Ihre Tochter mit einigen Herausforderungen konfrontiert ist: Ihr Körper verändert sich. Sie muss eine Autonomie von der Familie sowie ihr eigenes Menschen- und Weltbild entwickeln und sich gleichzeitig Gedanken zu ihren beruflichen Perspektiven machen.
Wie es wirklich ist, als Jugendliche täglich damit zu ringen, eine eigene Identität zu entwickeln, sich selber neu kennenzulernen, sich zu akzeptieren – und gleichzeitig allen Erwartungen gerecht zu werden, daran erinnern wir Erwachsenen uns oft nicht mehr so gut.
Veränderung braucht Raum
Veränderungsprozesse brauchen Ruhe und Rückzug. Ein «Abkapseln» von Teenagern kann zudem Schutz bedeuten: vor noch mehr Herausforderungen, Unsicherheit oder auch Stress mit den Kolleginnen. Es kann einen aber auch davor bewahren, Worte finden zu müssen für etwas, das eigentlich gar nicht erklärt werden kann. Musik kann dabei hilfreich sein, weil sie ein Gefühl von «verstanden werden» und dadurch Geborgenheit vermittelt. Mit Musik ist man weniger alleine.
Rückzug als Ressource
So gesehen ist Rückzug für Teenager eine grossartige Sache. Ihre Tochter ist den Veränderungen auch nicht einfach schutzlos ausgeliefert: 13 Jahre lang konnte sie von Ihnen lernen und mit Ihnen ihre Lebenskompetenzen aufbauen. Ich verstehe auf der anderen Seite Ihre Traurigkeit über den Verlust der gewohnten Nähe zu Ihrer Tochter und Ihre Sorge. Meine Gedanken dazu, wie Annäherung in der Pubertät gelingt, möchte ich anhand von zwei Zitaten aus einem Buch des Familientherapeuten Jesper Juul erläutern:
