Wie kann mein Kind alleine schlafen?

Kinder im Elternbett sind keine Seltenheit. Doch, muss das wirklich sein? Einige Ideen, wie das Elternschlafzimmer wieder zur Paarzone wird.

"Nacht für Nacht kommt unser Sechsjähriger immer noch zu uns ins Bett gewackelt. Manchmal sogar, bevor wir überhaupt selber drin liegen. Mich nervt das total, meine Frau hingegen gar nicht – wie finden wir eine gute Lösung?"
Marc

 

Herzlichen Dank für Ihre Frage. Sie suchen eine gute Lösung – aber wofür? Möchten Sie sich weniger nerven, besser schlafen oder geht es darum, dass Ihr Sohn nicht mehr jede Nacht Ihr Bett zum Familienbett umgestaltet?

Wussten Sie, dass Kinder im Bett der Eltern keine Seltenheit sind, obwohl öffentlich wenig darüber gesprochen wird? Langzeituntersuchungen des Kinderspitals Zürich haben ergeben, dass viele Kinder ab zwei Jahren entwicklungsbedingt plötzlich nicht mehr alleine schlafen möchten. Von den Vierjährigen schlafen rund 13 Prozent bei den Eltern. Diese Zahl geht dann langsam zurück, bis mit zehn Jahren noch etwa 2 Prozent der Kinder regelmässig ins Elternbett schlüpfen. Die Zahlen der Kinder, welche unregelmässig bei den Eltern nächtigen, ist jedoch sehr viel höher (ca. die Hälfte aller zwei- bis siebenjährigen Kinder). Ist das Familienbett frei gewählt, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass ein solches Schlafverhalten sich nachteilig auf die kindliche Entwicklung auswirkt – eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

 

Was es braucht, damit Ihr Shon das Familienbett freiwillig verlässt

Ihre Familie praktizierte bisher also das Familienbett und dafür haben Sie Ihre eigenen, guten Gründe. Es zeichnet sich jedoch eine Uneinigkeit darüber zwischen Ihnen und Ihrer Frau ab. Vielleicht könnte es hilfreich sein, eine Lösung auf der Paarebene zu suchen. Eine andere gute Lösung könnte aber auch sein, dass Ihr Sohn das Familienbett nicht mehr braucht und einen eigenen Schlafort möchte. Diesen Lösungsansatz möchte ich nun etwas vertiefen.

Wissen Sie, wozu Ihr Sohn im Familienbett schlafen möchte? Fürchtet er sich alleine oder ist es mehr eine Gewohnheit? Ich nehme an, Sie haben bereits Versuche hinter sich, das Familienbett wieder zum Elternbett werden zu lassen. Bestimmt hat Ihr Sohn auf die eine oder andere Idee oder Massnahme gut angesprochen – wenn vielleicht auch nur eine kurze Zeit lang. Dies können Hinweise darauf sein, wo Sie weiterhin ansetzen können.

"Je sicherer und geborgener sich Ihr Sohn in sich selbst fühlt, desto mehr kann er sich seiner Umwelt offen zuwenden."

Der Grund dafür, weshalb manchmal selbst die erfolgversprechendsten Ideen scheitern, hat meines Erachtens nach damit zu tun, dass es nicht einzig darum geht, das Symptom – hier das Familienbett – sondern die damit verbundenen Bedürfnisse zu fokussieren. Damit Ihr Sohn das Bedürfnis entwickeln kann, im eigenen Bett zu schlafen, braucht er ein ganzes Bündel an altersentsprechenden Kompetenzen. Darunter zum Beispiel:

  • Er lernt sich selber immer besser kennen und entwickelt ein Verständnis dafür, was er kann, bzw. etwas weniger kann. Dabei findet er sich ok so, wie er ist.
  • Er fühlt sich wichtig und verfolgt eigene Interessen. Mit seinen eigenen Gefühlen kann er schon besser umgehen. So entwickelt er beispielsweise Strategien dafür, wie er sich selber beruhigen kann.
  • Er glaubt an sich selber und weiss, dass er etwas bewirken kann. Er kann kleine Aufgaben eigenständig bewältigen und freut sich über die Verantwortung.
  • Er fühlt sich in die eigene Familie, als auch in andere Gemeinschaften, z.B. in der Schule, eingebunden.
  • Er kann anderen Menschen zuhören und tritt mit ihnen in Beziehung. Dabei interessiert er sich für das Miteinander, fühlt und denkt mit. Wenn eine Situation für ihn unangenehm wird, dann wehrt er sich dagegen.
  • Er setzt sich mit Hindernissen auseinander und kann zum Lösen von Problemen verschiedene Strategien anwenden.
  • Er weiss sich zu entspannen und kann einschlafen.


Sie sehen, wie komplex die Zusammenhänge sind! Die ausgesuchten Aspekte tangieren stark das Thema Autonomie – und das braucht es schlussendlich, damit sich Ihr Sohn aus der Sicherheit des Familienbettes bewegen kann. Je sicherer und geborgener sich Ihr Sohn in sich selbst fühlt, desto mehr kann er sich seiner Umwelt offen zuwenden.

Für Sie und Ihre Frau bedeutet das einen Strauss voller Ansatzmöglichkeiten. Bestimmt haben Sie Beobachtungen und Ideen dazu. Fragen Sie auch Ihren Sohn, welche Unterstützung er von Ihnen möchte. Falls Sie Anregungen brauchen, wie Sie einzelne Kompetenzen unterstützen können, können Sie sich kostenlos mit einer Fachperson besprechen – zum Beispiel über die Elternberatung von Pro Juventute.

Kann sein, dass das für Sie nun alles kompliziert und langwierig aussieht. Ich habe es schon oft erlebt, dass alleine der wirkliche, gemeinsame Entschluss der Eltern, eine Situation zu verändern, es dem Kind ermöglicht hat, sich rasch darauf einzulassen. Es erleichtert Ihrem Sohn den Prozess, wenn Sie als Eltern hier überzeugteEinigkeit und damit Klarheit vermitteln.
 

Dieser Text ist am 11.9.2020 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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