"Kürzlich hat unser Zehnjähriger sein Zeugnis nach Hause gebracht und mein Mann hat ihn für alle Noten, die über einer 5 lagen, mit fünf Franken belohnt. Dies hätten bereits seine Eltern gemacht, so seine Argumentation. Mir widerspricht dieser Gedanke ungemein, da ich grundsätzlich der Ansicht bin, dass Kinder nicht für Leistungen belohnt werden sollen (und schon gar nicht in Form von Geld). Findet ihr hier eine Belohnung angebracht? Oder in welcher Form soll man belohnen?"
Jasmine (39)
Liebe Jasmine, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Wenn ein Kind stolz sein Zeugnis nach Hause trägt und sich die Eltern über gute Noten freuen, ist es für viele eine Gepflogenheit, dies mit Geld zu belohnen.
Ihr Mann hat gute Erinnerungen an das Ritual seiner Eltern. Sie wiederum sind grundsätzlich dagegen, dass eine Leistung belohnt werden soll. Durch diese unterschiedlichen Meinungen erhalten Sie Gelegenheit, miteinander Ihre Haltung in Bezug auf das Konzept «Belohnung in der Erziehung» zu besprechen und anzupassen. Dabei geht es nicht ums Recht haben, sondern darum, mit Ihrer Erziehung Ihren Sohn zu stärken und in die Selbstständigkeit zu führen.
Eine Belohnung hat verschiedene Bedeutungen... Welche davon hatte Ihr Mann wohl im Sinn?
Eine Belohnung hat verschiedene Bedeutungen – als Entgelt (Lohn, Gegenleistung), als Anerkennung und auch als Verstärkung. Welche davon hatte Ihr Mann wohl im Sinn? Was wollte er genau belohnen? Vielleicht denken Sie jetzt: «Ist ja klar, die guten Noten. Er hat sich halt gefreut!»
Lassen Sie uns etwas genauer hinschauen:
Belohnung als Anerkennung
Mit der Belohnung der Noten wird der Wert der Zahl im Zeugnis hervorgehoben. Das Endergebnis und nicht der Prozess steht im Vordergrund. Hinter der Note steckt jedoch ein ganzes Bündel von Leistungen. Krass ausgedrückt gilt die Wertschätzung der Zahl und nicht der dafür erbrachten Leistung. Denn: Nicht die 4,5, sondern die 5 wird belohnt – unabhängig davon, wie die Noten zustande gekommen sind und ob das Kind für die 4,5 viel mehr geleistet und gelernt hat.
Belohnung als Entgelt
Ihr Sohn hat sich bestimmt über das Geld gefreut, keine Frage. Ich kann mir vorstellen, dass er sich über andere Dinge aber ebenso gefreut hätte. Das Geld gibt der Leistung des Kindes einen monetären Wert. Die Note ist nicht mehr Anhaltspunkt eines Prozesses, sondern Gradmesser dafür, ob es eine Belohnung gibt oder nicht.
Belohnung als Motivation und Verstärkung
Viele Fachpersonen, welche die Wirkung von Belohnung untersuchen, sind sich einig: als Motivationskonzept versagt es. Bei den einen Kindern verlagert sich die Freude und das Interesse am Lernen hin zum Interesse an der Belohnung. Aber auch Kinder, deren Freude am Lernen sich in Grenzen hält, profitieren meist nur kurzfristig vom Anreiz der Belohnung. Motivation, die abhängig wird von Belohnung, ist geprägt von Autorität und Kontrolle. Remo Largo sagt dazu: «Fühlt sich das Kind fremdbestimmt, erlahmt seine Eigeninitiative: Nicht ich kann etwas erreichen, sondern die anderen bringen mich dazu.»
Belohnung verändert die Beziehung
Wenn der Vater zum Bezahler und Motivator beziehungsweise Kontrolleur wird, dann verändert sich die Beziehung zum Kind. Wer Belohnung dafür nutzt, um das Verhalten des Kindes zu steuern, behandelt das Kind wie ein Objekt, meint der Autor Alfie Kohn. Ist das anders, wenn die Belohnung als Ausdruck der Freude über die guten Noten steht? Was meinen Sie?
Belohnung und Strafe sind in unseren Erziehungskonzepten stark etabliert. Die oben genannten Aspekte widerspiegeln eine kritische Haltung dazu. Meiner Meinung nach sind sie jedoch nötig, um verschiedene Perspektiven in den Umgang mit Belohnung einzubeziehen. Und es gibt ja auch noch andere Meinungen, wie diejenige von Jan Uwe Rogge: «Jedes Kind reagiert anders auf Belohnungen. Wenn es seinen guten Zweck erfüllt und ihr Kind positiv zum Lernen motiviert, dann ist daran nichts Verwerfliches.» Jedoch betont auch er die kritischen Aspekte.
Gibt es Alternativen zur Belohnung?
Natürlich! Die Ideen dazu finden sich in einer Haltung, welche die Motivation beim Kind belässt und es in seinem Selbstwertgefühl und seinem Selbstwirksamkeitserleben bestärkt. Was können Eltern also tun?
Gute Noten fallen nicht vom Himmel und stehen plötzlich im Zeugnis. Es gibt also genügend Gelegenheiten, das Interesse und die Lernfreude des Kindes vorher zu bemerken und sich miteinander darüber zu freuen. Ich bin überzeugt, dass ein Kind mehr davon hat, wenn beispielsweise beim Abendessen angemerkt wird, wie interessiert es heute beim Thema XY war. Oder wie es ihm gelungen ist, obwohl es nicht so interessiert war, trotzdem weiter zu lernen. Es geht also darum, Interesse zu zeigen, das Geleistete wahrzunehmen und zu würdigen.
Wenn das Kind mit seinem Zeugnis nach Hause kommt, können die Noten – beziehungsweise die Erlebnisse und Lerngeschichten dahinter – gewürdigt werden. Es bietet jedoch auch die Gelegenheit, das Kind zu fragen: Was denkst du zum Zeugnis? Wie ist dir dieses Zeugnis gelungen? Wie hast du das konkret gemacht? Das stärkt das Selbstwertgefühl. Auch wenn das Zeugnis nicht soooo toll ausfallen sollte, kann das, was das Kind geleistet hat, benannt und entsprechend gewürdigt werden.
Sollen Leistungen grundsätzlich nicht belohnt werden?
Kohn nennt als Alternative zur Belohnung, eine andere Dynamik zwischen Eltern und Kindern zu schaffen: Ihnen ohne speziellen Grund etwas zu geben, ab und zu ein besonders Vergnügen zu bescheren oder etwas zu schenken – einfach, weil Sie Ihr Kind lieben. So wird eine Gabe von einer guten Leistung entkoppelt. Und auch Kinder, die sich so sehr bemühen, und deren Leistungen nicht von guten Noten belohnt werden, können im wertschätzenden Umfeld aufwachsen.
Ich hoffe, diese Auslegungen helfen Ihnen und Ihrem Mann bei der gemeinsamen Gestaltung der Frage der Belohnung in Ihre Familie.
Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Daniela
