Wie stelle ich meinem Sohn den neuen Partner vor?

Wie kann ein erstes Treffen gelingen - und weshalb zuerst einmal viel Geduld angesagt ist.

"Ich bin seit nunmehr zwei Jahren vom Vater meines Kindes getrennt. Wir teilen uns das gemeinsame Sorgerecht für unseren fünfjährigen Sohn und haben ein ziemlich entspanntes Verhältnis. Seit ein paar Wochen ist nun ein neuer Mann (er ist kinderlos) in mein Leben getreten, mit dem ich mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Mein Ex-Mann weiss davon, mein Sohn allerdings hat noch nichts mitbekommen und ich möchte ihn auf keinen Fall mit dieser «Botschaft» überfordern. Wie gelingt ein erstes Treffen? Ich habe mir beispielsweise überlegt, ob wir am Osterwochenende gemeinsam in die Berge fahren. Oder würde sich für den Anfang ein Abendessen zu dritt eher anbieten? Habt ihr einen Rat?"
Nicola (37)

 

Liebe Nicola, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Es ist wunderbar, dass Sie eine entspannte Beziehung zum Vater Ihres Sohnes erhalten konnten. Wieder verliebt zu sein und sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen, ist bestimmt sehr schön und erfüllend für Sie. Verständlich, dass Sie Ihren neuen Partner Ihrem Sohn nun vorstellen möchten. Daraus entsteht eine neue Herausforderung für das eingespielte Beziehungs- und Regelgefüge in Ihrer Familie. Ihr Sohn bringt mit seinen fünf Jahren schon einige Fähigkeiten mit, diese Veränderung mitzugestalten und mögliche Herausforderungen zu meistern – darauf können Sie aufbauen und den Kennenlernprozess abstützen. 

Das Wohlbefinden und Glück der Eltern ist den Kindern wichtig. Fühlt sich ein Kind sicher, kann es neugierig eine neue Beziehung eingehen. Ein neuer Partner kann ihm jedoch auch bewusst machen, dass die vertraute Beziehung zu Mami und Papi nicht immer so weitergehen wird. Dabei können Ängste auftauchen, weil das Kind beispielsweise die eigenen Bedürfnisse und Interessen bedroht oder verletzt sieht – oder möglicherweise diejenigen von seinem Vater. Um diese Interessen zu schützen, kann ein Widerstand entstehen. Aus einer Verlustangst heraus kann ein Vorschulkind laut Remo Largo mit Weinerlichkeit und Klammern reagieren. Ein Schulkind hingegen mit Eifersucht, Ablehnung und Erziehungsschwierigkeiten.

 

Ist die neue Beziehung tragfähig?

Wie können Sie nun vorgehen, damit ein erstes Treffen mit Ihrem Freund gelingt? Remo Largo und Monika Czernin sagen dazu im Buch «Glückliche Scheidungskinder»: «Der Druck und damit die Versuchung, rasch zu handeln, ist gross, und doch sollte man den Partner erst dann in die Familie einführen, wenn die Beziehung tragfähig ist. So lange kann man die Kinder ruhig neugierig sein lassen. Erstens, um die neue Partnerschaft nicht zu überfordern. Zweitens – und noch viel wichtiger – um die Kinder zu schonen. Für die Kinder ist das Kennenlernen eines neuen Partners eine Herausforderung und Verunsicherung – auch im besten Fall. (…) Wenn einem wirklich etwas an einem langfristigen Gelingen des Zusammenlebens liegt, sollte man deshalb geduldig sein…» 

"Ihr Freund muss wissen und akzeptieren: Sie werden im Kennenlernprozess die Bedürfnisse Ihres Sohnes ins Zentrum stellen."

Bevor Sie sich also Gedanken zum Wann und Wie der Begegnung machen, braucht es Offenheit, Ehrlichkeit und Klarheit von Ihnen und Ihrem Freund: Ist er bereit dazu, sich auf Ihren Sohn einzulassen und seine Bedürfnisse hinter die des Kindes zu stellen? Sind Sie bereit dazu, Ansprüche zu formulieren? Ich erinnere mich an eine Mutter aus der Beratung, die solche Gespräche mit dem neuen, kinderlosen Partner vor den Treffen mit ihren Kindern vermieden hat. Sie befürchtete, es könne ihrem Freund schon vorher zu viel und zu kompliziert werden. Das wurde es später dann auch, weil sich zeigte, dass er sich aus Überforderung von den Kindern distanzierte und ziemlich andere Erziehungsansätze hatte. 

Sprechen Sie also miteinander über Ihre und die Bedürfnisse Ihres Sohnes – und welche Rolle daraus für Sie beide beim ersten Treffen entsteht. Wie wollen Sie sich miteinander vor Ihrem Sohn verhalten? Wie soll sich Ihr Freund verhalten, falls Ihr Sohn ablehnend reagiert? Ihr Freund muss wissen und akzeptieren: Sie werden im Kennenlernprozess die Bedürfnisse Ihres Sohnes ins Zentrum stellen. Es wird schwierig für alle Beteiligten, wenn Sie permanent zwischen den beiden vermitteln müssten. Ihr Freund wird Sie von einer anderen, neuen Seite kennen lernen – was Ihre Beziehung um eine Facette reicher machen wird.


… und den Sohn mitgestalten lassen
Bevor es zu einem ersten Treffen kommt, muss Ihr Sohn erfahren, dass … Ja, was denn? Dass Sie jemanden kennen gelernt haben, den Sie ihm vorstellen möchten? Für mich sind das zwei Dinge aufs Mal. Wenn Sie Ihren Sohn nicht mit der Botschaft überfordern möchten, dann können Sie ihn zuerst wissen lassen, dass Sie jemanden kennen gelernt haben, den Sie nun treffen und weiter kennen lernen möchten.

"Es erscheint mir wichtig, dass Ihr Sohn beim Tempo und bei allen Dingen, die ihn betreffen, mitbestimmen kann."

Auf diese Weise kann sich Ihr Sohn bereits vor einem ersten Treffen an die Präsenz Ihres Freundes gewöhnen. Er erfährt, dass jemand in Ihrem Leben ist, ohne dass sich gross etwas für ihn verändert. Der Freund ist nicht wichtiger als er und auch sein Papi bleibt sein Papi. Eine neue Partnerschaft ist also keine Bedrohung für ihn. Vielleicht wird er gar von selbst neugierig und möchte Ihren Freund kennen lernen. Es erscheint mir wichtig, dass Ihr Sohn beim Tempo und bei allen ihn betreffenden Dingen mitbestimmen kann. Auf diese Weise bleibt auch genug Raum, damit er erzählen kann, was ihn beschäftigt und was er braucht. 

Dieser Text ist am 11.3.2022 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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