Meine Tochter ist ein "Nuggi-Junkie"!

Bei manchen Kindern scheint eine Trennung vom geliebten Schnuller schier unmöglich. Welche Methoden bewähren sich?

"Mein Kind ist ein Nuggi-Junkie, ich kann es leider nicht liebevoller ausdrücken. Meine Tochter ist drei Jahre alt und ich verzweifle langsam richtiggehend daran, dass sie so süchtig nach ihrem Nuggi ist. Weder mittags, noch am Abend schläft sie ohne das doofe Ding ein. Tagsüber bleibt der Nuggi gemäss unseren Regeln im Bett. Eigentlich. Kürzlich habe ich aber bemerkt, dass sie sich bereits geheime Verstecke sucht, damit sie auch tagsüber zum Nuckeln kommt. Entreisse ich ihr das Teil – leider geht es oft nicht anders – kommt es natürlich zum Geschrei. Ich habe mir nun überlegt, ob wir die Nuggi-Verabschiedung mit einem Ritual verbinden sollen – beispielsweise dem Osterhasen ins Nest legen? Allerdings würde ich einen freiwilligen Nuggi-Verzicht bevorzugen. Oder sollen wir besser langsam entwöhnen?"
Leserinnenfrage von Karin

 

Liebe Karin, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Bereits vor der Geburt übt sich das Baby im Saugen und Schlucken, damit es nach der Geburt bereit ist, Nahrung aufzunehmen. Der Mund ist ein sehr sensibles Sinnesorgan und das Baby erfährt, dass das Saugen Nahrung und Wohlbefinden bringt und die Grundbedürfnisse befriedigt werden. Saugen hilft einem Kind somit dabei, sich selbst zu regulieren und zu stabilisieren – das lässt sich immer wieder schön beobachten. Beispielsweise kann sich ein Kind in einer ungewohnten Situation, wenn es nervös wird und schneller atmet, durch das Saugen an der Hand beruhigen.

Diese Selbstregulation hilft ihm dabei, einen wohltuenden emotionalen Zustand zu erhalten, zu verlängern beziehungsweise zu verkürzen oder zu beenden. Das ist eine tolle Fähigkeit! Hat ein Kind einen Nuggi zur Verfügung, dann übernimmt das Saugen am Nuggi diese Funktionen. Und seine Bezugsperson kann ihm als «Co-Regulator» dabei helfen, wenn er oder sie mit einer beruhigenden Stimme spricht.

 

Hinter dem Nuggi steckt ein ganzes System
Der Übergang vom Wach- in den Schlafzustand ist – das wissen wir Erwachsenen auch – nicht immer einfach: Wir müssen uns entspannen und dafür ist «Beruhigungssaugen» hilfreich. Wenn kleine Kinder allerdings gelernt haben, mit dem Hilfsmittel «Nuggi» einzuschlafen, dann brauchen sie diesen. Fatal daran ist, dass viele Kinder es auch nachts, wenn sie nach einem Schlafzyklus einige Minuten wach werden, nicht ohne Hilfsmittel schaffen, in die nächste Schlafphase abzutauchen.

"Dass Ihre Tochter einfach so auf den Nuggi verzichtet, scheint mir aufgrund Ihrer Schilderungen eher unwahrscheinlich."

Ein Verzicht auf einen Nuggi heisst daher nicht nur, den Nuggi nicht mehr in den Mund zu nehmen – weil dahinter ein ganzes System von Grundbedürfnissen und Beruhigungsverhalten steht. Das Kind muss zuvor andere Hilfsmittel entdecken, welche die Funktion des Saugens ersetzen. Dass Ihre Tochter einfach so auf den Nuggi verzichtet, scheint mir aufgrund Ihrer Schilderungen eher unwahrscheinlich.


Warum sich Samichlaus und Osterhase weniger eignen
Die Idee, die Aufgabe des Beruhigungssaugens am Nuggi mit einem Ritual zu verbinden, erscheint mir hilfreich. Den Nuggi dem Osterhasen oder dem Samichlaus zu übergeben, ist für mich jedoch kein Ritual. Ich höre auch immer wieder unterschiedliche Erfolgsgeschichten dazu. Während es bei den einen zu klappen scheint, erleben andere Eltern beim nächsten Einschlafen ein Drama, weil der Osterhase eben das eine, das Einschlafen ohne Nuggi hingegen etwas ganz anderes ist.

Viele Kinder sind gerne bereit, dem Osterhasen den Nuggi zu übergeben, insbesondere weil sie merken, dass es den Eltern wichtig ist. Aber selbst wenn diese Kinder verstanden haben, dass sie den Nuggi dann am Abend beim Einschlafen nicht mehr haben, kann ein Kind im Alter Ihrer Tochter die emotionalen Folgen dieser Entscheidung für sich selbst noch nicht unbedingt vorhersehen. Diese Fähigkeit entwickelt sich erst im Laufe des vierten Lebensjahres.


Schonende Entwöhnung
Als Fan der schonenden Entwöhnung rate ich eher dazu, die regulatorischen Fähigkeiten ihrer Tochter zu unterstützen, bevor der Nuggi verschwindet. Auf diese Weise gewinnen die Eltern und das Kind an Überzeugung und Selbstvertrauen – und das ist wesentlich.

Bevor Ideen entwickelt werden, beobachten Sie Ihre Tochter ein wenig: Welche Herausforderungen hat sie aktuell zu bewältigen? Gibt es neue Stressfaktoren in ihrem Alltag? Ich frage mich das, weil sie sich neuerdings nicht mehr an die Regel hält und den Nuggi auch tagsüber braucht. Welche hilfreichen Strategien nutzt sie zur Beruhigung ausser dem Nuggi? Ihre Beobachtungen helfen, bereits gelingende Verhaltensweisen zu erkennen und darauf aufbauen zu können.

Einige Kinder werden insgesamt ruhiger, wenn ihr Tagesablauf strukturierter wird. Also klare Zeiten der Aktivität, Essen oder der Ruhe. Zudem kann bei den Übergängen, wenn beispielsweise nach dem Essen eine Ruhephase ansteht, ein Ritual eingebaut werden – eine Entspannungsübung zum Beispiel.

Rituale, also wiederkehrende, angenehme Handlungsabläufe, können Sicherheit vermitteln und beruhigend wirken. Eine Geschichte vorlesen, miteinander singen, Massage – vieles kennen Sie bestimmt schon. Rituale und Tätigkeiten, die Ihrer Tochter helfen «runterzukommen» müssen nicht ausschliesslich vor dem Einschlafen geschehen, sie können auch während des Tages stattfinden.


Mögliche Beruhigungsalternativen
Um auf den Nuggi zu verzichten, muss Ihre Tochter lernen, anders einschlafen zu können. Ein möglicher erster Schritt dazu kann sein, dass tagsüber der Nuggi nicht verfügbar ist. Sie können miteinander etwas Neues einbringen, das ihre Tochter anstelle des Nuckelns ohne Ihre Hilfe tun kann.

Etwas, das sie beruhigt, vielleicht ein «Nuschi» in den Arm nehmen oder ein Stofftier. Ihre Tochter hat bestimmt einige Ideen dazu! Sobald das klappt, wäre ein möglicher nächster Schritt der Ersatz des Nuggis beim Mittagsschlaf und schlussendlich am Abend.

Dieser Text ist am 11.2.2022 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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