"Mein Mann und ich haben uns vor rund sieben Monaten getrennt, was unter anderem dazu geführt hat, dass wir in ein anderes Quartier gezogen sind. Unsere Tochter (11 Jahre) pendelt seither zwischen beiden Wohnungen hin und her – wohnt circa vier Tage die Woche bei mir und drei bei ihrem Vater. Leider musste sie aufgrund der Trennung auch die Schule wechseln, was wir ihr eigentlich gerne erspart hätten. Seit ein paar Wochen nun stellen mein Ex-Partner und ich bei ihr fest, dass sie sich immer mehr von uns zurückzieht, sich kaum mehr mit ihren Freundinnen trifft und auch selten mehr malt, was sie immer sehr gerne getan hat. Ich mache mir grosse Vorwürfe und auch Sorgen. Ist unsere Tochter vielleicht suizidgefährdet? Und sollen wir sie direkt darauf ansprechen?"
Nicole
Liebe Nicole
Herzlichen Dank für Ihre Frage und Ihr Vertrauen.
Ihre Familie hat in den letzten Monaten einen grossen Umbruch und viele Veränderungen erfahren. Bestimmt war die Zeit davor für Sie alle auch nicht leicht. Insbesondere Ihre Tochter hat den Verlust des gemeinsamen Zuhauses, einen Schulwechsel und ein neues soziales Umfeld zu bewältigen. Hinzu kommt, dass sie mit elf Jahren auch mitten in den seelischen und körperlichen grossen Veränderungen der Pubertät, respektive der frühen Adoleszenz steht.
All das zusammen kann für jeden Menschen sehr stressvoll und herausfordernd sein. Für einen jungen Menschen, dessen Bewältigungsressourcen noch nicht so umfangreich sind, kann das eine Überforderung oder eine Krise bedeuten.
Beunruhigende Gedanken, wie Sie sie nun haben, sind schwierig auszuhalten. Sie und Ihr Ex-Partner kennen Ihre Tochter wie kein anderer Mensch. Es ist wichtig, dass Sie weiterhin genau hinschauen und wahrnehmen, wie es Ihrem Kind geht – denn oft wird die suizidale Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen vom unmittelbaren Umfeld nicht einfach erkannt.
Wie sich Suizidalität zeigen kann
«Wird das tägliche Lebensgefühl von tief empfundener Einsamkeit und Verlassenheit geprägt, werden Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit gegenüber den täglichen Entwicklungsaufgaben übermächtig, läuft das Denken in immer gleichen negativen Zirkeln, so stellt sich auch schon bei Kindern, viel häufiger aber noch bei Jugendlichen, suizidales Denken und Handeln ein», beschreiben die beiden Psychologinnen Christiane Nevermann und Hannelore Reicher die Befindlichkeit suizidaler Kinder und Jugendlicher. In der Regel steht vor einem Suizid ein Prozess, der durch Überforderung, Stress und Hoffnungslosigkeit geprägt ist.
"Suizidale Kinder und Jugendliche reagieren vor allem auf Ereignisse, Lebensbedingungen und emotionale Belastungen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen."
Suizid erscheint als Lösung für eine unerträgliche Situation. Der Gedanke daran kann entlastend wirken im Sinne von: «Wenn ich schon nichts tun kann, so wenigstens dies.» Vielen Menschen geht es dabei jedoch nicht darum, tatsächlich zu sterben, sondern um das Beenden des Schmerzes.
Suizid bei Kindern unter 12 Jahren wird als eher selten betrachtet. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Ich persönlich kenne die Geschichte eines neunjährigen Jungen, der sich das Leben nehmen wollte.
Was das einzelne Kind zu suizidalem Denken und Handeln bringt, kann nicht allgemein beantwortet werden. Meist kommen verschiedene Faktoren zusammen, wie zum Beispiel die subjektiv empfundene Lebenssituation, die eigenen Möglichkeiten zur Bewältigung, biologische Ursachen (z. B. Pubertät), psychische Grunderkrankungen (z. B. Depression) und belastende Lebensereignisse, wie Trennung und Scheidung sowie heftige Streitereien der Eltern.
Die Warnsignale sind vielfältig, meist werden sozialer Rückzug, Andeutung von Todesgedanken und ein sich Beschäftigen mit dem Thema «Tod», Vernachlässigung von Pflichten und Aufgaben, starkes Grübeln, Leistungseinbruch sowie das Aufgeben von gewohnten Aktivitäten und Hobbys genannt. Häufig gibt es Hinweise und Ankündigungen. Das können direkte Aussagen oder auch indirekte sein, wie zum Beispiel «Ich schaffe das einfach nicht mehr».
Ansprechen oder nicht?
Ich möchte Sie dazu ermutigen, auf Ihre Tochter zuzugehen und mit ihr zu sprechen. Vielleicht finden Sie einen Einstieg, wenn Sie Ihrer Tochter spiegeln, was Sie beobachten. Versuchen Sie, dies wertneutral zu tun, ohne Botschaften wie «das ist nicht ok». Ermuntern Sie sie dazu, Ihnen zu erzählen, wie es ihr geht und was sie beschäftigt. Haben Sie keine Angst davor, Ihre Tochter allenfalls auf Suizidgedanken hin anzusprechen – dies erhöht das Suizidrisiko nicht, im Gegenteil.
Aber, wie fragt man sein Kind so etwas? «Hast du denn schon einmal daran gedacht, dass du nicht weiterleben möchtest?» Oder, wenn Sie herausfinden möchten, wie konkret allfällige Gedanken schon gediehen sind: «Hast du dir denn auch schon überlegt, wie du das machen würdest?»
