"Mein Alltag ist proppenvoll und ich habe nicht selten das Gefühl, dass ich nur so durch mein Leben hetze: Kinder aufwecken, zum Kindergarten bringen, ins Büro fahren, im Job funktionieren und innovativ sein, Kinder abholen, einkaufen, Wäsche waschen, kochen, den Haushalt organisieren. Das geht wohl den meisten Müttern so – das ist mir klar. Doch ein Problem, das mich derzeit vor allem beschäftigt, ist, dass ich mit meiner Tochter (6) und meinem Sohn (4) einfach nicht gerne spiele – obwohl ich sie wahnsinnig gerne habe!
Kürzlich haben die zwei sich bei der Oma «beschwert», dass ich nie mit ihnen spielen würde – was mich doch etwas nachdenklich stimmte. Muss man mit seinen Kindern spielen? Eines sei noch bemerkt: Ich sitze zwar nicht gerne auf dem Boden, verstelle die Stimme und spiele mit Playmobilfiguren, dafür lese ich meinen Kindern gerne vor, singe mit ihnen oder mache Ausflüge. Das ist doch auch was, nicht?"
Leserinnenfrage von Sofie
Liebe Sofie, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Spielen braucht Spielraum.
Dass Sie im proppenvollen Alltag kaum Zeit dafür finden, erstaunt mich nicht. Wobei «spielen» ein weiter Begriff ist und die Spielsituation mit den Playmobilfiguren nur eine Form davon – werfen wir also zuerst einen Blick darauf.
Spielerischer Zugang zur Welt und zu sich selbst
Kinder spielen während den ersten sechs Lebensjahren ca. 15‘000 Stunden, sagt der Pädagoge Andreas Zollinger. Das entspricht etwa 7 Stunden pro Tag. Im Laufe der Entwicklung verändert sich auch das Spielen des Kindes. Während sich das Kleinkind noch mit allen Sinnen selbst und die Welt erkundet, bekommt das Spielverhalten eines Kindes zwischen drei und sechs Jahren einen anderen Charakter: Aus dem sogenannten Symbolspiel (ein Gegenstand bekommt die Bedeutung eines anderen Gegenstandes, der nicht da ist, z. B. ein Bauklotz wird ein Schiff) entwickeln sich Rollenspiele, in denen das Kind in die Situation anderer schlüpft.
So ahmt es Verhaltensweisen von anderen Menschen (auch erfundenen) nach und erkundet deren Zusammenspiel. Das hilft einem Kind, sich selbst und andere zu verstehen sowie seine eigene Persönlichkeit zu erleben und zu entwickeln. Ab sechs Jahren werden auch sogenannte Regelspiele bedeutsamer (mehrere Spielpartner und Spielpartnerinnen verfolgen ein definiertes Ziel, oft im Wettstreit miteinander, Regeln und Ablauf sind dabei definiert).
Die Rolle der Eltern beim Spiel
Wenn die Erwachsenen die Bedeutung und Komplexität von Spielprozessen verstehen, dann begegnen sie einem spielenden Kind respektvoll, schützen und fördern die notwendigen Spielräume, sagt der Spielforscher und Psychologe Hans Mogel. Für Kinder ist das Spielen die Realität. «Kindliche Rollenspiele zu unterbrechen, ist gleichbedeutend damit, individuelle Entwicklungs- und Fähigkeitspotenziale der Kinder im Keim zu ersticken. Hier sind die Eltern als echte Spielpartner gefragt, die ihre spielenden Kinder vor Abwertungen ihres Spielverhaltens und vor Eingriffen seitens Aussenstehender in die kindliche Spieltätigkeit schützen», sagt Mogel. Die wichtigste Funktion der Eltern ist daher, Kindern jeden Alters die nötigen Frei- und Experimentierräume zu ermöglichen, zu gewähren und sie dabei zu begleiten.
Daraus leiten sich die Aufgaben und Rollen der Eltern auf folgenden zwei Ebenen ab:
