Unsere Kinder wollen immer nur die Mama!

Trotz den Bemühungen einer ausgeglichenen Aufgabenteilung, verlangen die Kinder einer Leserin permanent nur nach ihr und buhlen um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter. Der Papa wird hingegen relgelrecht weggestossen.


Mein Mann und ich bemühen uns um eine möglichst ausgeglichene Aufgabenteilung, wir gehen beide arbeiten und kümmern uns beide um die Kinder (1.5 und 3.5 Jahre alt). In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass unsere Kinder in allen möglichen Situationen nach mir verlangen und ihren Papa regelrecht wegstossen. Wenn wir alle zusammen sind, ist es oft so, dass beide Kinder permanent an mir "kleben", sie buhlen um meine Aufmerksamkeit und wollen alles mit mir zusammen machen. Es ist momentan fast nicht möglich, dass ihr Papa sie zu Bett bringt, die Zähne putzt, beim Schuhe-Anziehen hilft etc., wenn ich dabei bin. Wenn er dies versucht, reagieren sie mit Geschrei, was für ihn und mich sehr frustrierend ist. Bin ich jedoch nicht zuhause, klappen all diese Dinge problemlos auch mit dem Papa.
Wir haben auch beobachtet, dass sich die Kinder gegenseitig in diese "Mama-Fixiertheit" hineinsteigern: Sobald ein Kind beobachtet, dass das andere beispielweise bei mir auf dem Schoss sitzt, kommt es sofort zu mir und versucht, das Geschwisterkind zu verdrängen. Bin ich mit einem Kind allein, kann ich mich in der Regel freier bewegen und das Kind spielt auch einmal für sich.
Dieses Verhaltensmuster führt dazu, dass wir die Kinder oft trennen - obwohl sie sich eigentlich sehr gut verstehen - und so wenig Zeit wie möglich zu viert verbringen. Aber das kann ja auf Dauer nicht die Lösung sein? 

Danke für euren Rat und liebe Grüsse, 
Simone 

 

Liebe Simone,

Herzlichen Dank für Ihre Frage und Ihr Vertrauen.
Es freut mich, dass eine gleichwertige Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit für Ihre Familie möglich ist. Ihre Situation zeigt auf, wie komplex die Geschehnisse in einer Familie sind: Jeder Entwicklungsschritt eines Ihrer Kinder betrifft die ganze Familie. Für die aktuelle Situation haben Sie bestimmt schon viel ausprobiert.


Die Entwicklungsphasen der Kinder
Ich möchte zuerst einen Blick auf das jüngere Kind werfen. Ihre Schilderung lässt einen an das „Fremdeln“ denken. Diese, oftmals lautstarke Bevorzugung von vertrauten Menschen gegenüber weniger vertrauten, ist zwischen ca. acht und dreissig Monaten am ausgeprägtesten. Vom dritten Lebensjahr an nimmt „Fremdeln“ und die damit verbundene Angst vor einer Trennung wieder ab. Kleinkinder im Alter Ihres Jüngeren beginnen eine Vorstellung von sich selbst zu entwickeln. Dies wirkt sich auch auf seine Umwelt aus: Beziehungen fühlen sich neuartig und fremder an. Es ist, als vergrössere sich dadurch auch der Abstand zu den nahestehenden Bezugspersonen. Damit verbunden ist eine Angst, diese Bezugspersonen zu verlieren. Ein Kind reagieren daher oft mit Klammern an denjenigen Menschen, zu dem es das das stärkste Beziehungsband geknüpft hat.

Für Ihr grösseres Kind ist die Situation noch etwas komplexer. Kaum älter als das jüngere Kind wurde es zum Geschwister. Ältere Geschwister können noch jahrelang mit Eifersucht auf die Geburt des Jüngeren reagieren. Vielleicht wird das Jüngere erst jetzt, durch sein Klammern, zur Bedrohung. Und obwohl das ältere Kind mit seinen dreieinhalb Jahren langsam unabhängiger von seinen Bezugspersonen wird, beginnt es nun aus Angst zu klammern.

Das Buhlen um Aufmerksamkeit lässt sich also erklären. Für Sie als Eltern ist es wichtig zu wissen, dass Sie nichts falsch gemacht haben.

Eltern überfordern sich, wenn sie annehmen, ihr Erziehungsstil sei für das Ausmass der Eifersuchtsreaktionen verantwortlich. Jedes Kind hat sein eigenes Temperament.“

Remo Largo, Entwicklungspädiater

Sie haben aktuell eine Lösung gefunden, befürchten jedoch, dass Sie dies längerfristig so handhaben müssen. Dazu einige Gedanken:


Nehmen Sie es nicht persönlich und reflektieren Sie die eigenen Gefühle
Ihre Kinder suchen aktuell grösstmögliche Sicherheit. Ihr Verhalten ist nicht gegen oder für einen Elternteil, sondern auf sich selbst gerichtet. Einen Elternteil im Moment mehr zu brauchen ist einfacher, als beide Elternteile zu wollen und zu lieben.

Auch für Eltern ist die eigene Gefühlslage herausfordernd: Mütter erzählten mir, ein schlechtes Gewissen ihrem Mann gegenüber zu haben und die Väter waren verunsichert, weil sie dachten, ihr Kind lehne sie ab. Das belastet oft auch die Paarbeziehung. Nutzen Sie die Gelegenheit zur Selbstreflexion: Was macht die Situation mit Ihnen? Fühlen Sie sich bevorzugt oder zurückgewiesen? Was hat das mit Ihnen zu tun und wie gehen Sie damit um? Je mehr Sie mit Ihren eigenen Gefühlen im Reinen sind, desto weniger belasten Sie die Situation nicht zusätzlich damit.

Bleiben Sie nicht nur als Eltern im Gespräch über Gefühle, sondern auch auf einfache Weise mit ihren Kindern. Bilderbücher eignen sich ganz hervorragend dafür.


Vermeiden oder durchstehen?
Es ist Ihnen wichtig, Zeit zu viert verbringen zu können. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass Sie dauerhaft darauf verzichten und die Kinder trennen müssen, ist es wichtig, mögliche Auswirkungen abzuwägen und abzuschätzen, wie lange Sie eine Massnahme durchführen möchten.

In komplexen Situationen ist es hilfreich, diese zu entflechten. So sehen Sie klarer und können neue Ideen gewinnen. Da ist einerseits die „Mama-Fixiertheit“ und andererseits die Anwesenheit des Vaters. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann stört die Anwesenheit des Papas grundsätzlich nicht, solange er sich zurückhält. Zu viert sein wäre also möglich, einfach etwas anders. Es scheint also noch um etwas anderes zu gehen.

Die Frage könnte vielleicht lauten: „Wie erkennen wir, wann wir die anstrengenden Angst- und Klammer-Situationen miteinander durchstehen können und wann wir diese durch Trennen der Kinder lieber vermeiden?“  Um das zu beantworten, braucht es natürlich einfachere Fragen, wie zum Beispiel:
 

  • Wie können beide Kinder bei Mama sitzen?
  • Welche Rolle übernimmt dann der Papa, wenn er mit dabei ist?
  • Worauf reagieren die Kinder und Sie beide auf welche Weise?
  • Wozu wäre ein Trennen im Moment die bessere Lösung ist?
  • Was war bisher hilfreich, wenn auch nur ein kleines bisschen?
  • Wo können Sie Zeit zu viert verbringen, ohne dass die Kinder klammern? Genügt Ihnen das im Moment?
  • Wo können Sie neue Rituale zu viert einführen?

 

Zuversichtlich bleiben
Die Situation wird sich wieder normalisieren, wenn beide Kinder ihre entwicklungsbedingte Unsicherheit durch die Erfahrung und Gewissheit, dass ihre wichtigsten Bezugspersonen weiterhin voller Liebe für sie da sind, ersetzen können.

Bis dahin bleibt es wohl anstrengend für Sie als Eltern: Die Mama, die das Bedürfnis der Kinder nach Sicherheit direkt stillt und der Papa, der dies auf die ihm zur Verfügung stehende Art tut, indem er rücksichtsvoll im Hintergrund mit dabei ist und die Familie unterstützt, wo er kann. Die Frage könnte also auch lauten: Wie stehen wir als Eltern das durch?

Es ist daher wirklich wichtig, dass Sie auch sich selbst Sorge tragen – für sich und Ihre Kinder.

Daniela Melone, Geschäftsführerin Elternbildung CH

Wo sehen Sie Entlastungsmöglichkeiten, was können Sie vorübergehend sein lassen? Wer würde Ihnen gerne helfen, zum Beispiel mit einkaufen, bügeln etc.?

Es würde mich freuen, wenn Ihnen der eine oder andere Gedanke einen kleinen Schritt weiterhilft. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

Daniela

 

 

Dieser Text ist am 23.9.2022 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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