Mein Mann und ich bemühen uns um eine möglichst ausgeglichene Aufgabenteilung, wir gehen beide arbeiten und kümmern uns beide um die Kinder (1.5 und 3.5 Jahre alt). In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass unsere Kinder in allen möglichen Situationen nach mir verlangen und ihren Papa regelrecht wegstossen. Wenn wir alle zusammen sind, ist es oft so, dass beide Kinder permanent an mir "kleben", sie buhlen um meine Aufmerksamkeit und wollen alles mit mir zusammen machen. Es ist momentan fast nicht möglich, dass ihr Papa sie zu Bett bringt, die Zähne putzt, beim Schuhe-Anziehen hilft etc., wenn ich dabei bin. Wenn er dies versucht, reagieren sie mit Geschrei, was für ihn und mich sehr frustrierend ist. Bin ich jedoch nicht zuhause, klappen all diese Dinge problemlos auch mit dem Papa.
Wir haben auch beobachtet, dass sich die Kinder gegenseitig in diese "Mama-Fixiertheit" hineinsteigern: Sobald ein Kind beobachtet, dass das andere beispielweise bei mir auf dem Schoss sitzt, kommt es sofort zu mir und versucht, das Geschwisterkind zu verdrängen. Bin ich mit einem Kind allein, kann ich mich in der Regel freier bewegen und das Kind spielt auch einmal für sich.
Dieses Verhaltensmuster führt dazu, dass wir die Kinder oft trennen - obwohl sie sich eigentlich sehr gut verstehen - und so wenig Zeit wie möglich zu viert verbringen. Aber das kann ja auf Dauer nicht die Lösung sein?
Danke für euren Rat und liebe Grüsse,
Simone
Liebe Simone,
Herzlichen Dank für Ihre Frage und Ihr Vertrauen.
Es freut mich, dass eine gleichwertige Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit für Ihre Familie möglich ist. Ihre Situation zeigt auf, wie komplex die Geschehnisse in einer Familie sind: Jeder Entwicklungsschritt eines Ihrer Kinder betrifft die ganze Familie. Für die aktuelle Situation haben Sie bestimmt schon viel ausprobiert.
Die Entwicklungsphasen der Kinder
Ich möchte zuerst einen Blick auf das jüngere Kind werfen. Ihre Schilderung lässt einen an das „Fremdeln“ denken. Diese, oftmals lautstarke Bevorzugung von vertrauten Menschen gegenüber weniger vertrauten, ist zwischen ca. acht und dreissig Monaten am ausgeprägtesten. Vom dritten Lebensjahr an nimmt „Fremdeln“ und die damit verbundene Angst vor einer Trennung wieder ab. Kleinkinder im Alter Ihres Jüngeren beginnen eine Vorstellung von sich selbst zu entwickeln. Dies wirkt sich auch auf seine Umwelt aus: Beziehungen fühlen sich neuartig und fremder an. Es ist, als vergrössere sich dadurch auch der Abstand zu den nahestehenden Bezugspersonen. Damit verbunden ist eine Angst, diese Bezugspersonen zu verlieren. Ein Kind reagieren daher oft mit Klammern an denjenigen Menschen, zu dem es das das stärkste Beziehungsband geknüpft hat.
Für Ihr grösseres Kind ist die Situation noch etwas komplexer. Kaum älter als das jüngere Kind wurde es zum Geschwister. Ältere Geschwister können noch jahrelang mit Eifersucht auf die Geburt des Jüngeren reagieren. Vielleicht wird das Jüngere erst jetzt, durch sein Klammern, zur Bedrohung. Und obwohl das ältere Kind mit seinen dreieinhalb Jahren langsam unabhängiger von seinen Bezugspersonen wird, beginnt es nun aus Angst zu klammern.
Das Buhlen um Aufmerksamkeit lässt sich also erklären. Für Sie als Eltern ist es wichtig zu wissen, dass Sie nichts falsch gemacht haben.
