"Ich kann meinen Sohn zurzeit nicht ausstehen!"

Dass sich Pubertierende abgrenzen müssen, ist klar. Doch die radikale Einstellung ihres Sohnes hinterlässt eine Mutter ratlos

"Ich kann meinen Sohn (16) zurzeit nicht ausstehen! Er spricht herabwürdigend über Mädchen und Frauen, wird laut und beinahe schon aggressiv, wenn ihm etwas nicht passt, und vertritt als fanatischer Fussballfan Werte, die ich nicht nachvollziehen kann. Mir ist klar, dass er sich als Pubertierender von uns als Eltern abgrenzen muss, aber seine teilweise sehr radikale Einstellung (beispielsweise: «für den Verein lass ich mir den Kopf gerne einschlagen») macht es mir unglaublich schwer, ihn zu mögen… Was mich wiederum traurig und ratlos zurücklässt. Wisst ihr vielleicht Rat? 
Frage von Linda (43)

 

Liebe Linda, herzlichen Dank für Ihre Frage und die offene Schilderung Ihrer Gefühle.
Für viele Eltern ist die Pubertät zunächst eine etwas theoretische Angelegenheit, bis sie selbst erfahren, wie herausfordernd das Verhalten Jugendlicher in der Pubertät sein kann und wie schnell man als Eltern an eigene Grenzen stösst. Ist es tatsächlich das, wozu Sie Ihren Sohn erzogen haben, mögen Sie sich vielleicht fragen?


Die Suche nach Orientierung
Der Weg zur Autonomie und Individuation (das bedeutet, ein Individuum zu werden) ist für junge Menschen in der Adoleszenz nicht einfach. Nebst den körperlichen und psychischen Veränderungsprozessen zeigen gerade Jugendliche im Alter Ihres Sohnes intensivere Gefühle in Konflikten, die sich an kleinen, alltäglichen Begebenheiten entfachen. Der Weg in die Eigenständigkeit ist bei jungen Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägt, einige verstossen ganz bewusst, quasi mit der Brechstange gegen soziale Normen und zeigen Verhaltensweisen, von denen sie wissen, dass sie nicht gut sind. 

Jedoch schärft Ihr Sohn damit auch einige durchaus wünschenswerte Fähigkeiten: Er entwickelt sein Durchsetzungsvermögen, indem er die Werte anderer infrage stellt. Er lernt, sich von Ihnen abzugrenzen und entwickelt eigene Ansichten über sich und die Welt. Er übt Kritik und leistet verbalen Widerstand. Er sucht nach neuen Idealen und probiert daher auch andere Orientierungen aus – auf der Suche nach seiner eigenen grundlegenden Orientierung und seinen Werten.

In seinen Suchprozessen braucht Ihr Sohn seine Eltern als Leitlinie, aber auch als Reibungspunkt. Das kann für beide Seiten schmerzhaft sein. Leider schreiben Sie nichts darüber, was Sie bereits versucht haben, um der Situation zu begegnen und wie der Vater seinen Sohn aktuell erlebt. Geht es ihm gleich wie Ihnen?

"Ihr Sohn braucht sie gerade jetzt als starke Eltern, die ihm Halt geben und präsent sind."

Wenn sich Ihr Sohn verändert, verändert sich zwangsläufig auch Ihre Beziehung zueinander. Dazu gehört, dass er Eigenschaften entwickelt, die für Sie als Eltern schwierig auszuhalten sind. Es ist Ihre Aufgabe, damit einen Umgang zu finden. Lernen Sie Ihren Sohn neu kennen und sprechen Sie mit ihm darüber, wie er seine Welt erlebt und was ihm wichtig ist. Wenn er zum Beispiel davon spricht, sich für seinen Verein den Schädel einschlagen zu lassen, dann geht es darum, zu verstehen, wie wichtig ihm der Verein offenbar ist. Geben Sie ihm eine Rückmeldung dazu: «Ich wusste nicht, wie wichtig dir dieser Verein ist.» Je nach Situation können Sie ihn auch fragen, was der Verein ihm bedeutet. Wenn Sie Ihren Sohn besser kennen lernen, sind Sie weniger ratlos. 


Es ist mir durchaus bewusst, dass meine Vorschläge von Ihnen als Eltern viel abverlangen. Ihr Sohn braucht Sie gerade jetzt als starke Eltern, die ihm Halt geben und präsent sind.


Ich wünsche Ihnen dazu viel Kraft und alles Gute!
Daniela

 

 

Dieser Text ist am 11.9.2020 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann

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Dieser Text ist am 3.6.2022 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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