"Muss ich die Nachbarskinder schützen?"

Experten warnen, dass die Corona-Isolation häusliche Gewalt schüre. Wie kann man bei einer Konfrontation im direkten Umfeld reagieren?

"Meine Nachbarn sind ohnehin schon sehr überfordert mit der Erziehung ihrer zwei Kinder. Das zeigt sich mitunter daran, dass oft laut geschrien wird und die Kinder manchmal über Stunden weinen. Seit der Schulschliessung höre ich aber nun täglich Schreie, Gerumpel und Wimmern aus der Wohnung unter mir. Was soll ich nur tun – vorbeigehen und mit der Polizei drohen?"
Frage von Julia

 

Liebe Julia, herzlichen Dank für Ihre Frage.
Ich kann Ihre Besorgnis und den Wunsch, die Kinder der Nachbarn zu schützen, gut nachvollziehen.
 

Es gibt viele Formen häuslicher Gewalt. Findet die Gewalt zwischen den Eltern statt, und sind die Kinder dabei? Oder sind sie gar direkt davon betroffen? Selbst wenn die Kinder nicht körperlich misshandelt werden, sind sie Belastungen ausgesetzt: Sie befinden sich in einer Atmosphäre von Angst und Gewalt. Sie fühlen sich schutzlos, denn die Menschen, die sie schützen sollten, sind dazu aktuell nicht in der Lage.
 

Kinder erleben lebensbedrohliche Angst
Die deutsche Sozialpsychologin Sandra Dlugosch hat das Miterleben von häuslicher Gewalt in der Kindheit untersucht. Sie berichtet, dass die Kinder in Situationen häuslicher Gewalt mit der existenziellen Angst um ihr eigenes Leben oder um das Leben des bedrohten Elternteils konfrontiert sind. Sie können die Situation nicht verhindern, nicht stoppen oder abschwächen, sondern sind ihr ausgeliefert. Wie traumatisch solche Erlebnisse für das individuelle Kind sein können, hängt von seinem Alter, seinen Fähigkeiten, dem Umfeld, der Häufigkeit und dem Ausmass der Gewalterfahrung ab. Das, was die Kinder und Jugendlichen durch häusliche Gewalt erleben, belastet sie schwer.


Häusliche Gewalt ist keine harmlose Privatsache. Auch für Sie als Zeugin kann sie sehr belastend sein. Es ist jedoch äusserst wichtig, dass Sie sich von Ihren Gefühlen nicht überwältigen lassen. Handeln Sie ruhig und besonnen – ausser es besteht eine akut bedrohliche Situation.

                                                    "Danke, dass Sie nicht wegschauen."


Was Sie tun können
Als aussenstehende Person ist es sehr schwierig, die Lage einzuschätzen. Handeln Sie daher nie in Eigenregie, sondern holen Sie sich dafür professionelle Unterstützung. Auf die verschiedenen Möglichkeiten werde ich nachher eingehen. Nehmen Sie sich zuerst Zeit für eine kurze Dokumentation der Lage. Der Umgang mit der Situation ist für Sie also auch mit Aufwand verbunden. Ohne geht es nicht, aber nichts machen sollte nicht die Lösung sein. Einen ersten Schritt haben Sie bereits getan.


Schreiben Sie als Erstes möglichst präzise Ihre Beobachtungen und die Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen, nieder:

  • Wie alt sind die Kinder?
  • Wie zeigt sich die Familiensituation? Welche Aussenkontakte und weiteren Bezugspersonen (z.B. Tante, Götti) haben die Kinder?
  • Woran machen Sie eine mutmassliche Misshandlung fest?
  • Wie schätzen Sie den Zustand der Kinder ein?
  • Zeitpunkt und Häufigkeit der mutmasslichen Misshandlung
  • Haben andere Personen ähnliche Beobachtungen gemacht?

Dieser Text ist am 3.4.2020 im Mamablog in der Rubrik "Elternfrage" erschienen.

Illustration von Benjamin Hermann


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