Intervision, kollegiale Fallberatung, kollegiale Supervision, Fallbesprechung oder Peer-to-Peer Counseling? Es existieren viele Bezeichnungen für die Besprechung von Fragestellungen und Anliegen aus der beruflichen Arbeit. Aber, was genau ist das und weshalb ist es für die Elternbildung wichtig?
Von den vielen Bezeichnungen – sie alle zeigen jedoch in eine ähnliche Richtung - ist für mich „Intervision“ die gängigste und treffendste. Intervision bezeichnet ein bestimmtes Setting, bestimmte Vorgehensweisen und entsprechende Ziele.
Das Setting der Intervision
Für diese Form des kollegialen Austausches kommen meist Praktizierende eines bestimmten beruflichen Feldes zusammen, um miteinander Anliegen aus der eigenen beruflichen Tätigkeit nach einem bestimmten Vorgehen miteinander zu reflektieren. Dabei können durchaus verschiedene Funktionen des Arbeitsfeldes vertreten sein, es ist jedoch ratsam, keine Konstellationen wie Mitarbeiter:in/direkte Vorgesetzte oder Konkurrent:innen zuzulassen, da die für die Bearbeitung persönlicher Themen und Herausforderungen Offenheit zentral ist.
Die Gruppengrösse ist variabel und richtet sich auch nach den verschiedenen Methoden und der zur Verfügung stehenden Zeit, die zur Bearbeitung der Anliegen angewandt werden. Ideal erscheint mir eine Gruppengrösse zwischen 5 und 8 Personen. Eine Intervisionsgruppe ist in ihrer Zusammensetzung konstant.
Intervision kann in Präsenz als auch online durchgeführt werden – je nach Gusto der Gruppe. Der zeitliche Rahmen richtet sich nach den Methoden und der Anzahl Anliegen, die reflektiert werden sollen. Für gut strukturierte online-Settings in einer kleinen Gruppe können 1.5h genügen. In Präsenz rate ich, mindestens 2h einzurechnen und nicht mehr als 3.5/4h. Intervision braucht zudem eine gewisse Regelmässigkeit, z.B. 4-6 Sitzungen pro Jahr.
Auch Grösse und Ausstattung des Raums richtet sich nach der Arbeitsweise der Gruppe. Ich rate zur Arbeit im Stuhlkreis, da dies meiner Erfahrung nach grössere Offenheit und Spontanität ermöglicht.
Inhalte und Arbeitsweisen der Intervision
In der Intervision können beispielsweise herausfordernde berufliche Situationen, die eigene Berufsrolle, Werte und Haltungen, Formen der Zusammenarbeit oder die Entwicklung methodischer Aspekte und Handlungsweisen im Zentrum stehen.
Es ist hilfreich, wenn die Intervisionssitzungen einen festen Rahmen bieten: Gestaltung der ganzen Intervisionssitzung mit den verschiedenen Phasen des Ankommens/Einstiegs, der Bearbeitung der Anliegen, der Form der Rollenverteilung (z.B. der Moderation der gesamten Sitzung und der verschiedenen Anliegen), der Pausen und des Abschlusses.
Zur Bearbeitung der Themen/Anliegen gibt es viele verschiedene Methoden. Nebst der Grundstruktur (ein Beispiel für die Elternbildung finden Sie im Anhang) ist es hilfreich, einen kleinen Methodenkoffer zur Hand zu haben, damit für die Bearbeitung verschiedene, passgenaue Vorgehensweisen zur Verfügung stehen.
Eine Intervisionssitzung hält für die Teilnehmenden verschiedene Rollen bereit:
- Für die Intervisionssitzung: Sitzungsleitung mit Begrüssung, Moderation der Sitzung (Gestaltung Einstieg, Themensammlung, Einhalten des zeitlichen Rahmens etc.), der Gestaltung des Abschlusses und ev. verfassen eines Kurzprotokolls, , eine Person, d
- Für die Bearbeitung der Anliegen: verschiedene Personen, die ein Thema/ein Anliegen zur einbringen; eine Person, welche die Bearbeitung des Anliegens methodisch gestaltet und moderiert; Personen, die das Thema gemeinsam reflektieren und eigene Gedanken dazu einbringen; ev. Beobachter:innen
Die Inhalte einer Intervisionssitzung sind streng vertraulich. Ich empfehle in der ersten Sitzung den Umgang mit der Vertraulichkeit zu thematisieren und von allen Beteiligten eine verbindliche mündliche Zustimmung einzuholen.
Ziele der Intervision
In der Intervision geht es nicht einzig darum, für ein bestimmtes Anliegen angemessene Lösungen zu finden, den eigenen professionellen Handlungsraum zu vergrössern, sondern es geht auch darum, durch eine offene und ehrliche Reflexion die eigene berufliche Entwicklung anzustossen.
Der Psychologe Prof. Dr. Klaus Grawe hat für die Psychotherapie verschiedene schulenübergreifende Wirkfaktoren beschrieben, von denen folgende auch für die Intervision zutreffen:
- Problemaktualisierung: Themen und Herausforderungen, die einer Betrachtung und allenfalls einer Veränderung bedürfen, werden in der Intervision unmittelbar erlebbar und dadurch bearbeitbar gemacht.
- Ressourcenaktivierung: Die Bearbeitung eines Anliegens bezieht die der Person zur Verfügung stehenden und für die Veränderung/Lösung hilfreichen Ressourcen ein. Dieser Suchprozess macht, oft auch nicht auf den ersten Blick erkennbare, Ressourcen sichtbar. Dies stärkt die Fachperson in ihren positiven Gefühlen und ihrem Wohlbefinden als auch hinsichtlich der Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten und der Selbstwirksamkeitserwartung. Die Wahrscheinlichkeit der konkreten Lösung im Berufsalltag steigt.
- Bewältigungskompetenzen: Ressourcenaktivierung und die Erkundung von persönlichen Fähigkeiten, Fähigkeiten und bisher gelungenen Bewältigungserfahrungen tragen zur Verbesserung, bzw. der Anpassung bisheriger Bewältigungskompetenzen bei.
- Motivationale Klärung: Die Klärung der Werte, eigenen Vorstellungen und Erwartungen im Zusammenhang mit dem Anliegen tragen zur Lösung und zur professionellen Entwicklung bei.
Grundlage der Intervisionsarbeit ist eine offene und reflexionsorientierte Haltung sowie den Willen und die Fähigkeit, das eigene berufliche Handeln distanziert und im Kontext des eigenen Arbeitsbereichs eingehend zu betrachten.
Intervision als Möglichkeit der Qualitätssicherung in der Elternbildung
Für die Elternbildung stellt die Intervision eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Qualitätssicherung dar. Da Elternbildungsveranstaltungen oft im Alleingang konzipiert und durchgeführt werden, fehlt ein regelmässiges, professionelles Feedback dazu. Für Herausforderungen und Fragestellungen, die in der eigenen Bildungsarbeit auftauchen, fehlt der Austausch und die gemeinsame Reflexion. Sich in einer vertrauensvollen Umgebung mit seiner eigenen Arbeitsweise zu zeigen, mit anderen gemeinsam seine Gefühle und Gedanken zur Elternbildungsarbeit zu teilen, erweitert den eigenen Horizont und vermag „blinde Flecken“ aufzudecken. Gleichzeitig lernen die Beteiligten andere Arbeitsweisen und Methoden kennen, welche die eigene Arbeit anreichern. Nicht zuletzt stärkt Intervision das Zusammengehörigkeits- gefühl in der Elternbildung.
Förderung der Intervision in der Elternbildung
Elternbildung CH unterstützt Elternbildner:innen, Fachpersonen und Anbieter:innen von Elternbildung mit verschiedenen Angeboten:
- regelmässig stattfindende Webinare zur Intervision: Einführung und vorstellen von verschiedenen Methoden zur Bearbeitung. Aktuelle Veranstaltungen finden Sie hier.
- Unterstützung zum Aufbau und zur Koordination von Intervisionsgruppen: Gabriella Faragó steht Ihnen gerne zur Verfügung [email protected], 044 253 60 60
- für Sie massgeschneiderte Weiterbildungen zur Intervision: Daniela Melone, [email protected], 044 253 60 62
Grundstruktur einer Intervisionssitzung
Ablauf der Bearbeitung eines Anliegens in der Intervision
Bild: Biserka Stojanovic auf Canva
