Erziehung wirkt über die eigenen vier Wände hinaus.
Die Aufgaben, die Eltern übernehmen, sind ein wichtiger gesellschaftlichen Beitrag. Eltern tragen die Verantwortung, Kinder sicher und gut durch ihr Leben zu führen – und das hat großen Einfluss auf die Gesellschaft insgesamt.
Gesellschaftliche Vielfalt begegnet uns überall: Sie bringt uns dazu, uns weiterzuentwickeln und zusammenzuwachsen. Kulturen vermischen sich, alte Muster werden ersetzt. Kein Wunder also, wird auch die Elternschaft und ihre Ausgestaltung von diesen Veränderungen beeinflusst. Das kann Orientierungslosigkeit schaffen – zumindest auf den ersten Blick.
Die grundlegende Frage bleibt jedoch dieselbe: „Wie gelingt Erziehung?“
Seit jeher suchen Erwachsene – bewusst oder unbewusst – nach einer Art „Geheimrezept“ für die perfekte Erziehung. Die Suche nach Antworten und Wahrheit hat in jeder Kultur sogenannte „Erziehungsmythen“ hervorgebracht.
Hier folgt nun der letzte Teil der Reihe über „Erziehungs-Glaubenssätze“, die uns alle noch immer prägen:
„Es wird alles gegessen, was auf den Tisch kommt “
„Iss deinen Teller leer! Komm schon, ein bisschen kannst du noch! Das Gemüse isst du jetzt aber!“ Solche Sätze rutschen uns oft heraus. Doch sie sind meist keine gute Idee. Sie stammen aus einer Zeit, in der Menschen noch froh waren, überhaupt etwas zu essen zu haben.
Heute jedoch leben die meisten Menschen in industrialisierten Ländern im Überfluss, und Hunger ist selten ein Problem. Stattdessen nehmen Übergewicht und Essstörungen zu – besonders dann, wenn wir nicht auf unser eigenes Sättigungsgefühl hören. Kinder haben dieses Gefühl in der Regel noch sehr gut, vorausgesetzt, sie dürfen selbst entscheiden, wann sie satt sind.
Und wenn das Gemüse auf dem Teller bleibt? Dann bleibt es eben dort.
Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Kinder in bestimmten Entwicklungsphasen „schlechte Esser“ (im Englischen „picky eaters“) sind. Das heißt, sie sind wählerisch und oft misstrauisch gegenüber neuen Lebensmitteln.
Üben Eltern Druck aus, verstärkt sich diese Abneigung in der Regel noch. Wenn Kinder jedoch selbst entscheiden dürfen und nicht gezwungen werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie Neues irgendwann von sich ausprobieren – und als Erwachsene genussvoll essen, was sie auf ihrem Teller haben.
„Hausaufgaben sind nicht die Verantwortung der Eltern“
Im Grunde stimmt diese Aussage. Gleiche Chancen für alle Kinder gäbe es nur, wenn Hausaufgaben allein Sache der Schule und der Kinder wären – oder wenn es gar keine Hausaufgaben gäbe.
In der Realität aber helfen über 90 Prozent der Eltern bei den Hausaufgaben – und das ist verständlich. Schließlich möchten alle Eltern, dass ihre Kinder einen guten Start ins Leben haben, ob in der Schule, im Beruf oder im Alltag. Doch hier zeigt sich ein Problem: Kinder von Eltern mit höherem Bildungsniveau haben oft einen Vorteil, denn sie können zu Hause besser unterstützt werden.
Studien belegen jedoch, dass es weniger die konkrete Hilfe ist, die den Unterschied macht, sondern vor allem das Interesse der Eltern an der Schule und den Lerninhalten. Eine unterstützende Lernumgebung, klare Strukturen und Ermutigung sind oft schon ausreichend. Manchmal genügt es, einfach nachzufragen: „Was hat die Lehrerin dazu erklärt? Hast du schon mal eine ähnliche Aufgabe gelöst? Wer aus deiner Klasse könnte dir helfen?“
Helfen Eltern zu viel, kann das negative Auswirkungen auf die Motivation und die Eigenverantwortung und das Selbstwirksamkeitserleben der Kinder haben.
„Eltern müssen an einem Strang ziehen“
Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn Eltern sich auf grundlegende Erziehungsziele einigen: Welche Werte sind uns wichtig? Wie wollen wir diese vermitteln? Doch im Alltag ist es nicht immer möglich, dass beide Elternteile immer einer Meinung sind – und das ist auch nicht nötig.
Kinder kommen gut mit unterschiedlichen Erziehungsstilen zurecht. Entscheidend ist, dass sie wissen, wer wofür zuständig ist: Wer bringt mich ins Bett? Wer hilft mir, mein Zimmer aufzuräumen? Wer unterstützt mich beim Lernen? Diese Klarheit fehlt oft im Alltag.
Viele Eltern kennen sicher die Situation, in der alles plötzlich besser funktioniert, wenn nur ein Elternteil da ist. Warum? Weil Kinder dann genau wissen, wer das Sagen hat. Besonders Mütter wünschen sich oft, dass Väter mehr Verantwortung übernehmen – wollen dann aber auch vorgeben, wie das auszusehen hat. Das klappt in der Regel nicht, denn Erziehung muss authentisch bleiben.
Haben die Eltern unterschiedliche Ansichten, ist eine Klärung wichtig: sich absprechen und gegenseitig Erziehungs-Freiräume lassen. Denn nur so kann jede:r seinen Platz einnehmen – und den der anderen respektieren.
Ich hoffe, dass diese „Vorurteile“ und Überzeugungen zum Nachdenken anregen und inspirieren konnten. Elternsein ist eine anspruchsvolle Aufgabe, ein Feld, das gepflegt werden will.
Der Originalbeitrag von Jorge Montoya-Romani ist am 29.8.2024 im französischen Elternbildungs-Blog erschienen. Der Beitrag wurde von ChatGPT und Daniela Melone übersetzt und angepasst.
Hier lesen Sie den ersten und den zweiten Teil zum Thema «Erziehungsmythen»
Bild: Dontstop auf Canva
